Eine Frau, die es nach vorne zieht

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Die Chefin des Rödermark-Parlaments ist auch Chefin eines Unternehmens. Maria Becht leitet ein Steuerberatungsbüro mit zehn Angestellten. 1976 bestellte sie die Oberfinanzdirektion Frankfurt zur Steuerbevollmächtigten, im gleichen Jahr gründete sie eine Kanzlei in Offenbach. 1979 verlegte sie den Firmensitz nach Ober-Roden - in ein ökologisch hochwertiges Gebäude.

Ober-Roden - „Ich hatte die Schnauze voll vom katholischen Klosterinternat!“ Mitte der sechziger Jahre probte Maria Becht den Aufstand und zog vom Wohnheim der Armen Schulschwestern in eine französische Familie. Von Michael Löw

Wenig später wechselte sie die Fronten und entwickelte an der Pariser Sorbonne „Strategien für die Abwehr von Revolten“. Die ehemalige Schul-Revoluzzerin wurde zur Professoren-Beraterin - aber das sind nur zwei Episoden aus dem bewegten Leben von Rödermarks erster Bürgerin.

45 Stadtverordnete, gewählt auf fünf Jahre, entscheiden über Kindergartengebühren, Bebauungspläne, den Haushalt und etliches mehr. In einer kleinen Serie stellen wir die einflussreichsten Parlamentarier vor: Stadtverordnetenpräsidium, Ausschuss- und Fraktionsvorsitzende. Im Mittelpunkt der Porträts stehen aber nicht die Politiker, sondern die Menschen. Parlamentspräsidentin Maria Becht macht den Anfang

Maria Michaele Ehmann, so ihr Mädchenname, wurde am 14. Mai 1944 in Mannheim geboren und wuchs in Hochdorf, einem 1 000-Seelen-Ort im Kreis Ludwigshafen, auf. Ihr Großvater saß für die Zentrumspartei im Gemeinderat, ihr Vater Lorenz gehörte dem Gremium jahrzehntelang als Parteiloser an. Die Nazis schikanierten ihn wegen seines Engagements in der katholischen Männerbewegung. Kein Wunder also, dass in dem Bauernhaus oft über Politik geredet wurde.

Gleich nach dem Abitur trat die 22-Jährige der CDU bei, doch nur dabei sein war ihr zu wenig. Sie übernahm die Führung des JU-Kreisverbandes und fiel dem Ludwigshafener Stadtrat Helmut Kohl ins Auge, der Ambitionen auf ein Landtagsmandat hatte. Er heuerte die Powerfrau als Chefin seiner Wahlkampfmannschaft an und erzielte ein grandioses Ergebnis. Wenn man so will, legte Maria Becht einen Grundstein für die politische Karriere des langjährigen Bundeskanzlers.

Lockeren Kontakt mit dem Mann aus Oggersheim pflegt sie immer noch. Obwohl der seinerzeit arg enttäuscht war, dass sie der Liebe wegen nach Hessen zog.

1971 heiratete sie Claus Becht, doch das Glück war nur von kurzer Dauer. Ihr Mann starb 1980, ganze 40 Jahre jung, an Krebs. Schuld waren radioaktive Strahlen des Radargerätes, an dem der Zeitsoldat den deutschen Luftraum überwachte. Dass er dabei sein Leben riskierte, interessierte die Bundeswehr kein bisschen.

Seine Witwe versucht Leidensgenossen, die die Krankheit überlebt haben, zu ihrem Recht und einer Entschädigung zu verhelfen. Zusammen mit ihrem Nachbarn Peter Rasch gründete Maria Becht eine Interessengemeinschaft radargeschädigter Soldaten, die sich schon mit diversen Bundesverteidigungsministern angelegt hat. Sie erstritt für mehr als 600 Soldaten Schadenersatz.

Von Leidenschaften und kleinen Schwächen

Über ihren Mann kam Maria Becht zum Motorsport: Als der Co-Pilot seines Rallye-Autos einmal ausfiel, sprang sei ein und hatte prompt Erfolg. Auch da war ihr dabei sein zu wenig, in einem Frauenteam setzte sie sich selbst ans Steuer. Ein Schwäche für starke Autos hat sie immer noch, auch wenn sie zu Stadtverordnetensitzungen ökologisch fast korrekt im Smart vorfährt.

Ihrer französischen Wahlmutter aus Schulzeiten verdankt Maria Becht eine lange Liebe zu unserem westlichen Nachbarn. „Das war damals ein Phänomen, dass sich ein deutsches Mädchen für die französische Sprache interessierte“, erinnert sie sich. Sie radelte durch fast ganz Frankreich, war Rettungsschwimmerin an der Cote Azur und bestritt Langstreckenwettbewerbe im Meer.

Fakten

- Eintritt in die CDU am 1. März 1966 - Kreisvorsitzende der Jungen Union Ludwigshafen-Land von 1966 bis 1967

- Wahlkampfmanagerin des Landtagskandidaten Helmut Kohl 1967

- Wahl in den Stadtrat (Parlament) von Ludwigshafen 1969 - Polit-Abstinenz von 1971 bis 1996

- Mitglied der Stadtverordnetenversammlung Rödermark seit 1997

- Vorsitzende des Haupt- und Finanzausschusses 2001 und 2002 - Wahl zur Parlamentspräsidentin am 6. Dezember 2002

- Wahl in den Kreistag 2001

- Vorsitzende des CDU-Arbeitskreises Wirtschaft im Kreis Offenbach

Als ich so um die 50 war, habe ich alles noch mal so richtig ausgelebt“, schmunzelt Maria Becht heute über ihre ganz persönlichen wilden neunziger Jahre: Tauchen in der Karibik, Ballon-Fahrten, mit dem Motorrad Vollgas auf der Autobahn. Viele ihrer Hobbys hat sie nach dem Einstieg in die Rödermärker Kommunalpolitik einschränken müssen.
Die Parlamentspräsidentin bezeichnet sich als „entschiedene Rödermärkerin“, die sich im Gegensatz zu vielen Einheimischen ihren Wohnort 1979 „gezielt ausgesucht“ habe. Bürgermeister Karl Martin Rebel und sein Hauptamtsleiter Dieter Gröning überzeugten die junge Steuerberaterin, ihre Kanzlei nach Ober-Roden zu verlegen: „Damals wie heute besticht das Vereinsleben mit Ehrenamtlichkeit rund um die Uhr!“
Sie neige dazu, „zu viele Hochzeiten zu betanzen“, gibt Powerfrau Becht eine kleine Schwäche zu. Wenn sie sich dann mal eine Auszeit gönnt, tut sie‘s im den Saunen des Badehauses Rödermark. Oder zieht sich in die Stille eines Klosters zurück. Die Drangsaliererei der Armen Schulschwestern nimmt sie Ordensfrauen längst nicht mehr übel.

Quelle: op-online.de

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