Auf einmal war der Kerbbaum weg

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Geschliffen im Text, humorvoll, aber nicht schmerzhaft und dazu perfekt rezitiert von Kerbvadder Sascha Reisert – das war der Ober-Röder Kerbspruch 2011.

Ober-Roden - Verwundert rieben sich die Ober-Röder Kerbbesucher die Augen: Hatten sie nicht am Vortag auf dem Marktplatz einen Kerbbaum gesehen? Von Christine Ziesecke

Rasch machten sich die Kerbburschen mit dem Traktor auf die Suche beim westlichen Nachbarn – erfolglos zumindest am „Dalles“.

Die Ober-Röder Kerbbirke hatte es zu ihresgleichen gezogen, und mancher Spaziergänger oder Reiter rund um den Birkenhof in Urberach wundert sich, welch hübsch geschmücktes Bäumchen dort in den Himmel ragt. Von mehreren mutigen Kerbmeedschen und einem Kerbborsche war es mittels eines Kleinstwagens schon Sonntagnacht gen Westen geschleppt worden. Wie aus ungewöhnlich gut unterrichteten Orwischer Kerbkommissionskreisen verlautet, verliefen die traditionellen Verhandlungen anschließend unglücklich: „Is doch klasse ... do brauche mer’n nidd sellwä aobroame, waonn däss die Orwischä fer uns erledische...“ war eindeutig die falsche Antwort der Ober-Röder Kerbburschen.

Die liebevollen und zumeist höchst augenzwinkernden Frotzeleien zwischen den Ober-Rödern und ihren Nachbarn hatten am Sonntagnachmittag auch im Mittelpunkt des Kerbspruchs gestanden. Begleitet vom Musikverein 03 und von Mechthilde Zöller wieder einmal mit dem Traktor millimetergenau durch das Geschehen rangiert, machten die Kerbburschen beim „Mortsche“ Rast und steckten den Strauß hoch oben beim ausgestopften Kerbborsch KT.

Liebevoller Spott für „große Koalition“

Der gestohlene Ober-Röder Kerbbaum verrät selbst, was ihn nach Urberach verschlagen hat. Der Marktplatz ist das sicher nicht, über dem er seit Sonntagnacht sanft in der Herbstsonne weht.

Gekonnt rezitierte Sascha Reisert, was im vergangenen Jahr an Brisantem auf der Welt und vor allem im Ort passiert war. Er berichtete vom Orwischer Kern-Land bei der Bürgermeisterwahl und dem fehlenden Wahlkampf („Die Qual der Wahl war nit zu erkenne – kaaner hat was über’n Roland zum Schenne.“). Auch für die „große Koalition mit Lips und von der Lühe zesamme uff’m Thron“ gab’s viel liebevollen Spott. Selbst die Ober-Röder Wehr, die einer Schlange – oder war’s doch eine Blindschleiche? – hinterherjagte, kam nicht ungeschoren davon, ebenso wenig wie Tempolimit und Vorfahrtsregelung in Forst- und Odenwaldstraße – und immer noch für einen Joke gut: „der scheppe Kreisel draußen beim Rewe...“. Fehlende Erfolge bei den örtlichen Fußballvereinen („Willst du die Germania sehe, musst du die Tabelle drehe...“) bis zu den wechselleidgeprüften Orwischer Katholiken oder der erst Wochen zu spät geklauten Urberacher Kerbpuppe wurden noch einmal verinnerlicht. Doch hier sollte der geneigte Ober-Röder Kerbbursch diesmal wohl besser nicht mehr lästern. Sehr zum Bedauern vieler Besucher entfiel die Straßenolympiade - ein nicht Bauwagen an der falschen Stelle durchkreuzte den notwendigen Platzbedarf. Bis zur nächsten Kerb wird sicher auch daran noch gearbeitet, ebenso wie an einer Wache beim eigenen Kerbbaum.

Quelle: op-online.de

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