„Eisenbahn“ schließt nach 118 Jahren

Das letzte Bier ist getrunken

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„Das best-gezapfte Bier in ganz Rödermark“, egal ob von Holger Herbert oder von May-Britt Ehrhard (Foto) ins Glas gezaubert, werden diese Stammtischbrüder in Zukunft sehr vermissen - zum traurigen Anlass kamen sie ganz in Schwarz.  

Ober-Roden - Redete bisher jemand in Ober-Roden von der „Eisenbahn“, so meinte niemand den Bahnhof. Jeder wusste: Es geht um die gleichnamige Wirtschaft, die in der dritten Generation vor allem an den Wochenenden Hochbetrieb hatte. Von Christine Ziesecke 

Doch seit Aschermittwoch wird es nie mehr heißen „Mit geh’n beim Herbert!“ Die Familie Herbert hat sich zurückgezogen, die „Eisenbahn“ ist nach dem letzten Bier geschlossen; wie es weiter geht, ist noch offen. Der erste „Eisenbahner“ war Franz Herbert, der die Gaststätte von 1896 bis 1920 als Nebenerwerb führte. Ihm folgte Sohn Georg Herbert. Bis 1972 kochte und zapfte er hier und führte nebenbei noch einen kleinen Krämerladen. Dann kam Monika - heute 66-jährig -, die zuletzt gemeinsam mit Sohn Holger, den Laden schmiss. Bis sie ihn nun aufgibt. Holger Herbert (42) ist vollzeit-berufstätig im Bereich Fördertechnik, stand aber praktisch jeden Abend und jedes Wochenende mit in der Wirtschaft. Nun sind es gesundheitlich Gründe, die zur Vernunft mahnen und das vorläufige Ende der Institution „Zur Eisenbahn“ herbeiführen. Wie es weiter geht, ist noch nicht spruchreif, aber die Chefin macht Hoffnung: „Es sind Gespräche in Gang; wenn alles gut geht, könnte es Mitte Mai weiter gehen.“

Der Stammtisch, der sich hier seit über 40 Jahren trifft, hört das gerne, auch wenn es natürlich nicht mehr die gleiche „Eisenbahn“ mit dem angeblich stadtweit best gezapften Bier sein wird. Unter der Leitung von Helmut Wagner haben die Stammtischbrüder den letzten Tag auch zelebriert, so richtig als Beerdigung mit Leichenschmaus. Sie kamen in schwarzen Anzügen, mit schwarzen Krawatten und Zylindern, mit einer Urne („Hier ruht das letzte Bier“), in die der finale Schoppen gezapft wurde, und stellten Grablichter vor die Tür. Eine bühnenreife Verabschiedung, die mit sehr viel Küsschen und liebevollen Worten die enge Verbundenheit zeigte.

Was nun aus den Stammtischbrüdern wird? Urgestein Karl Brehm (78), der zwei Straßen weiter wohnt und als alter Kerbborsch seit 60 Jahren in der „Eisenbahn“ ein- und ausgeht, fasst es für alle zusammen: „Erst emol drei Tage flenne, und dann schaun mer weiter...“ Einmaliges Asyl hat schon Hans Schwerber (‚s „Puhle-Hänsche“) in seinem Keller versprochen, wo eine echte alte Musikbox steht: „Die wollten wir schon hierher bringen in die Eisenbahn, aber sie passte nicht ins Auto und hier wäre es zu eng geworden“.

Herzlicher Abschied in der Küche: „Eisenbahn“-Chefin Monika Herbert (links) , die langjährige Mitarbeiterin Kati Trellenberg und Stammtischbruder Helmut Wagner.

Dann will der harte Kern weiter beraten. Sie alle waren im Schnitt dreimal in der Woche an ihrem Stammtisch -den Ruhetag mit eingerechnet, ein guter Schnitt. „Manche waren auch täglich hier“, schmunzelt Franz-Josef Kern, „der von der Hut-Sophie“. Die letzten Gäste an diesem traurigen Tag sind auch überwiegend alte Herrschaften, die teilweise schon über 40 Jahre regelmäßig hierher kommen. Und das nicht nur, weil die Rumpsteaks, die Hackbraten und die Hähnchen „einfach sensationell“ sind. „Es liegt vor allem daran, dass sich die Monika anpasst: mit steigendem Alter der Gäste kocht sie das Fleisch immer weicher“, weiß Stammgast Helmut Wagner zu berichten. Wie sieht es mit Konkurrenz für die Nachfolger aus? Das gegenüber liegende „Café Röder“ ist sicher keine, und die zu erwartende neue Erlebnisgastronomie im Bahnhof sehen die Stammtischler eher als Chance für die „Eisenbahn“: dort das jüngere, hier das ältere Publikum.

Und was machen Monika und Holger Herbert nun? „Ausschlafen“ antwortet die eine, „mit der Freundin ganz in Ruhe weggehen“ der andere. Jeder gönnt es ihnen, auch wenn eine drei Generationen alte Traditionswirtschaft ihr Gesicht verändert und wieder ein Stück altes Ober-Roden verschwindet.

Quelle: op-online.de

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