Überflüssige Wege zum Deutschkurs

Urberach - Wo ist die frühkindliche Sprachförderung am besten aufgehoben? Darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Eltern und Politiker wollen auch die Urberacher Vorlaufkurse zurück in die Kitas holen. Von Michael Löw

Rektor Thomas Pohl hält dagegen die Schule für den richtigen Ort, um Defizite zu beheben. 29 kleine Urberacher mit und ohne Migrationshintergrund, fast 30 Prozent der Schulanfänger 2013, polieren seit August ihre Deutschkenntnisse auf. Die Kurse finden an vier Tagen pro Woche von 13.15 bis 15 Uhr statt und sollen sicherstellen, dass die Kinder nächstes Jahr im Unterricht von Anfang an gut mitkommen. Gut ein Dutzend türkische Eltern machte am Mittwochabend in einem Gespräch mit den SPD-Stadtverordneten Hidir Karademir und Armin Lauer ihrem Ärger über die Kurse Luft. Sie beklagten vor allem die zu großen Gruppen sowie die langen und ihrer Meinung nach überflüssigen Wege von den einzelnen Kitas zur Grundschule an den Linden. Wer ein Auto greifbar hat, ist noch einigermaßen gut dran.

„Mit meiner großen Tochter (die den Förderkurs besucht, Anmerkung der Redaktion) und ihrer kleinen Schwester bin ich von der Liebigstraße zu Fuß eine halbe Stunde unterwegs“, berichtete eine Mutter aus dem Seewald. Nach dem Kurs tippeln die Drei den Weg wieder zurück, damit die Sechsjährige die Nachmittagsbetreuung in der Kita wenigstens teilweise mitbekommt. Ein Vater zog aus dem ganzen Hin und Her eine andere Konsequenz und meldete seinen Sohn aus der Ganztagsbetreuung im Kindergarten ab.

Während die Eltern die praktischen Schwierigkeiten betonten, gingen die SPD-Politiker auf die pädagogischen Aspekte ein. „Die Kinder verlieren wegen des Pendelns viele soziale Kontakte in den Kindergärten“, sagte Lauer. Karademir und er befürchten „eine zweigeteilte Bildungslandschaft in Rödermark“. Denn in Ober-Roden tauchten diese Probleme gar nicht auf, weil die Sprachkurse in den Kitas stattfänden. Dorthin sollen sie auch in Urberach wieder zurück, fordert die SPD.

Unterstützung vom Ausländerbeirat

Der Ausländerbeirat unterstützte am Mittwochabend das Anliegen der Eltern, und auch bei den anderen Parteien im Stadtparlament machten Lauer und Karademir positive Signale aus. Bereits Ende Juni hatte das Parlament einstimmig die Überschneidung der Deutschkurse mit den Essenszeiten in den Kitas gerügt. Das hat sich erledigt, mit dem neuen Schuljahr begann der Sprachunterricht später.

Rektor Thomas Pohl steht zum Urberacher Modell der Deutschkurse und weiß sich auf der rechtlich sicheren Seite. Der Erlass des Hessischen Kultusministeriums macht die Durchführung zur Sache der Schule. Dort, so Pohl, gebe es im Gegensatz zu den Kitas genug Räume mit kindgerechtem Mobiliar. Seiner Ansicht stärkt der frühe „Schulbesuch“ das Selbstbewusstsein der Kinder und macht sie zugleich mit Regularien wie pünktlichem Beginn oder dem Klingelzeichen vertraut. „Unser Konzept hat bisher hervorragende Ergebnisse erzielt. Kein Kind musste in den letzten Jahren wegen mangelhafter Kompetenzen vom Schulbesuch zurück gestellt werden“, lautet das Fazit des Rektors.

Fahrgemeinschaften der Eltern oder ein von der Stadt finanzierter Kleinbus lösen seiner Meinung nach das Transportproblem. „Wir wollen keinen Kindertourismus“, hält SPD-Vorsitzender Karademir dagegen, und Lauer will die spezielle Urberacher Sprachförderung notfalls sogar vors Kultusministerium bringen. Auf Dauer komme aber auch die Schule an den Linden nicht an einer professionelleren Ganztagsbetreuung vorbei, sagen die Sozialdemokraten: „Ansonsten bleiben Kinder aus Migrantenfamilien und aus unteren Schichten in unserem Bildungssystem auf der Strecke!“

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © dpa

Kommentare