Die Tür zurück ins Leben öffnen

Empathie-Award: Caritas-Sozialstation gewinnt ersten Preis

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Keine Einbahnstraße: Pflegefachkraft Julia Plentz öffnet fürs Foto die Tür des Franziskushauses in der Ober-Rodener Straße und zeigt: Auch aus der Demenz gibt es einen Weg nach draußen.

Urberach – Die AOK Hessen hat erstmals einen Empathie-Award ausgelobt, der Pflegeprofis mit hoher menschlicher Qualität würdigt. Julia Plentz von der Caritas-Sozialstation hat den ersten Preis gewonnen. Von Michael Löw

„Pflege ist mehr als Windeln wechseln!“ Julia Plentz bricht die Lanze für einen Beruf, den viele mit hoher psychischer und physischer Belastung, langen Arbeitszeiten, mieser Bezahlung, Personalmangel und Siechtum verbinden. Die 39-Jährige ist gelernte Krankenschwester und betreut seit 2017 im Franziskushaus der Caritas zwei Wohngruppen mit 13 dementen Mieterinnen und Mietern. „Sie wird dort jeden Tag sehnsüchtig erwartet“, berichtet ihre Kollegin Julia Jedlicsek. Mit Professionalität allein ist es in der Pflege aber nicht getan, auch menschliche Qualitäten sind gefragt. Diese Kombination machte Julia Plentz jetzt zur Gewinnerin des im Sommer erstmals ausgeschriebenen Empathie-Awards der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Hessen. Gesucht wurden authentische Geschichten aus dem Pflege-Alltag, erzählt von Pflegebedürftigen, Verwandten oder Kolleginnen und Kollegen. 76 Erzählungen kamen zusammen.

Julia Jedlicsek, die Caritas-Qualitätsbeauftragte ist, hat auf zwei Seiten geschildert, wie engagiert sich Julia Plentz im Franziskushaus um die 13 Frauen und Männer mit Demenz kümmert: „Ob eine Patientin kurzzeitig verschwindet, das gesuchte Strickzeug im Kühlschrank auftaucht, im hohen Alter noch die große Liebe ausbricht oder eine Schwangerschaft sich als Verstopfung herausstellt, Frau Plentz ist dabei, begleitet alles liebevoll.“

Stolze Preisträgerin: Julia Plentz (3. von links) wurde von der AOK geehrt. Mit dabei waren ihre Kolleginnen aus Urberach und Offenbach sowie AOK-Mitarbeiter: Ute Kern-Müller, Bereichsleiterin Pflege ambulant, Caritasverband, Julia Baumgartl, stellvertretende Pflegedienstleiterin der Caritas-Sozialstation Rödermark, Riyad Salhi, Pressereferent, AOK Hessen, Ralf Hain, Leiter AOK-Beratungscenter Offenbach, Julia Jedlicsek, Caritas-Qualitätsbeauftragte, Renate Jacobi, Pflegedienstleiterin der Caritas-Sozialstation Rödermark.

Mit solchen Problemen wird Julia Plentz ständig konfrontiert. Und wenn eine Frau 200 Mal am Tag – und das ist nach den Erfahrungen der Caritas-Fachkraft nicht übertrieben – nach vermeintlichen Banalitäten fragt, erwartet sie auch beim 200. Mal eine respektvolle Antwort. Eine andere Patientin rastete immer aus, wenn ihr beim Duschen die Haare gewaschen wurden. In mühseliger Detektivarbeit fand Julia Plentz heraus, dass das vorher oder nachher passieren muss. Das kann keine Ausbildung vermitteln, das muss man spüren. Die 39-Jährige hat’s gespürt, seither geht das Duschen reibungslos.

Die Caritas betreut – quasi als Dienstleister im eigenen Haus – die ambulante Wohngemeinschaft mit 13 Menschen. Die Spanne der Demenz reicht vom Anfangsstadium bis zu voller Pflegebedürftigkeit. „Doch selbst dann bleibt die Gefühlsebene erhalten“, sagt Ute Kern-Müller, die Bereichsleiterin ambulante Pflege beim Caritasverband Offenbach. Die Kranken spüren also eine liebevolle Umarmung – auch wenn Besucher das Gefühl haben, dass bei ihren Angehörigen nichts ankommt.

Julia Plentz und ihre Kolleginnen wollen Demenzpatienten so gut es geht die Tür zurück ins Leben öffnen. Die meisten der 13 Mieter können ihren Alltag draußen nicht mehr koordinieren. Der geschützte Raum der Wohngruppe mobilisiert jedoch immer wieder längst verloren geglaubte Fähigkeiten: So hilft eine Frau, die daheim nicht mehr klarkam, einer anderen Mieterin beim Essen.

Was die Angehörigen immer wieder erstaunt. Die werden von den Caritas-Mitarbeiterinnen auch immer auf dem Laufenden gehalten. „Das nimmt ihnen das schlechte Gewissen, die Mutter oder den Vater ins Heim abgeschoben zu haben“, sagt Ute Kern-Müller. Und ein Stück weit die Angst, selbst dement zu werden.

Wohnungsnot als gesellschaftlicher Sprengstoff

„Wobei das wirklich wichtige Feedback von den Patientinnen und Patienten kommt. Sie spiegeln einem sehr gut, ob ihnen gegenüber eine empathische, aufrechte, respektvolle Haltung besteht“, meint Julia Plentz, die vor Kurzem eine Weiterbildung im Bereich Gerontopsychiatrie erfolgreich beendet hat. Natürlich sei diese Arbeit fordernd. Aber dass sie jemals Enthusiasmus verlieren könnte, damit ist nicht zu rechnen. Eine sinnvollere Tätigkeit kann sie sich jedenfalls kaum vorstellen. Dazu haben der Zusammenhalt im Team sowie die ständige Weiterbildung, die die Caritas ihren Mitarbeiterinnen bietet, beigetragen. Julia Plentz ist der Auffassung, dass viel zu oft negativ über die Pflege gesprochen wird und dadurch bei vielen Leuten ein schiefes Bild entsteht. Der Empathie-Award zeugt vom Gegenteil.

Übrigens: Die eine Julia wusste nicht, dass die andere Julia sie für den AOK-Preis vorgeschlagen hatte. Die Gewinnerin konnte ihr Glück deshalb kaum fassen.

Quelle: op-online.de

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