Erinnerung an die Jugendzeit

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Sebastian Beetz, mit 23 Jahren der Jüngste im Erzählcafé der Generationen.

Urberach ‐ Am 10. November, 72 Jahre nach dem Abend, an dem in Urberach der Reichspogrom seine Opfer gefordert hatte, erinnerten sich im Nedelmannschen Wohnzimmertheater in Urberach fünf Menschen zwischen 23 und 81 Jahren ihrer Jugend in Urberach und Ober-Roden. Von Christine Ziesecke

Waren es im vergangenen Jahr Kindheitserinnerungen gewesen, so erzählten sie, die im Schnitt jeweils 15 Jahre trennten, nun von ihren Jugendjahren.

Teils waren sie unbeschwert gewesen, teils nur schwer erträglich inmitten der Kriegsjahre, doch immer geprägt vom eher ländlichen Charme dieser Ortsteile. So zog sich denn auch der Nahverkehr durch die Schilderungen wie ein roter Faden – quer durch alle rund 65 beschriebenen Jahre.

Angela Teuber

Die Lebenszeit zwischen zwölf und 17 Jahren war bei allen Erzählenden von der Ausbildung geprägt, die oft weg vom Wohnort lag und lange Fahrtzeiten erforderte – vor allem in der harten Zeit vor Dreieichbahn und S-Bahn. Humorvoll unterboten sich die Lesenden mit den frühmorgendlichen Fahrtzeiten; zudem koppelte sich das Freizeitverhalten der Jugend an die mangelhaften Fahrmöglichkeiten. Die Urberacherin Heike Pyka etwa, die in den 60er Jahren noch samstags Schule hatte, musste als Fahrschülerin oft zwei Stunden auf die Heimfahrt warten - außer sie fuhr mit ihrem 25 Stundenkilometer schnellen Mofa, das sie zu ihrem 14. Geburtstag bekam. Noch skeptischer, aber höchst humorvoll erinnerte sie sich an die vielen Wanderungen zu jener Zeit. Nicht nur bei Klassenfahrten, nein, auch im elterlichen Urlaub wurde zu Fuß marschiert – weshalb sie heute im Urlaub an die See fährt.

Kerb „heute auch nicht mehr das ist wie früher“

Die eher mangelhaften Möglichkeiten in Ober-Roden waren es auch, welche die heute 40-jährige Angela Teuber – geborene Hitzel, von großmütterlicher Seite geborene Gotta - in ihrer Jugend bei den Majoretten mitmachen ließ. Eine Tatsache, die sie heute lieber verschweigt, die ihr jedoch gute Möglichkeiten eröffnete, abends mit elterlicher Genehmigung zu Festen und Fastnachtsveranstaltungen zu kommen.

Sebastian Beetz, mit 23 Jahren der Jüngste der Erzähler an diesem Abend und direkt neben der Ober-Roder Bahnschranke zuhause, konzentrierte sich mehr auf seinen Freundeskreis und auf Ober-Röder und Urberacher Geselligkeiten – wobei ihm schon heute auffällt, dass die Kerb „heute auch nicht mehr das ist wie früher“. Und auch die damaligen Treffpunkte in den Ortsteilen haben sich eindeutig schon in den wenigen Jahren verschoben.

Die Jugend von Rita und Edu Dutiné, heute 81 und 80 Jahre alt, stand unter einem schlechten Stern: sie sind beide sehr von der Kriegszeit geprägt worden in ihrem Leben und kamen nicht weit über Ober-Roden und Urberach hinaus.

Der Urberacher Heinz Catta, dessen Bericht Oliver Nedelmann vorlas, hatte es zu seiner Lehrzeit in den späten 50er Jahren auch nicht gerade einfach. Um 5.30 Uhr fuhr sein Zug, der ihn zur Maschinenschlosserlehre nach Frankfurt brachte, und vor 19 Uhr war er nicht zu Hause. Sein Taschengeld, damals das „Sonntagsgeld“, reichte gerade mal für ein Eis. In seiner Freizeit gab‘s nur Fußball, Fußball, Fußball - anfangs mit einem Lumpenball, später mit einem handgemachten. Wöchentlich Training und jeden Sonntag ein Spiel – zu dem man mit dem Fahrrad fuhr, egal ob nach Dieburg oder in den Odenwaldkreis. „Und wenn es regnete, regnete es eben!“

Lesungen zu Kindheit und Jugend in Urberach und Ober-Roden

Von solchen „Ausflügen“ kann Rita Dutiné, Jahrgang 1929, nur träumen: als älteste Tochter eines Urberacher Landwirts in der damaligen Frankfurter Straße kam sie in ihrer Jugend nicht über den Ort hinaus. Ein einziger Schulausflug führte mit dem Zug nach Dudenhofen, von dort zu Fuß nach Seligenstadt. Ansonsten gab‘s keine Freiheiten für Hobbys oder Treffen – sie war tagein, tagaus in der Landwirtschaft eingespannt, bis sie nach Darmstadt auf die Nähschule durfte.

Ihr Mann Eduard, geboren 1930 in Ober-Roden, hatte mehr „Auslauf“ – und immerhin gemeinsam mit zwei Freunden ein Fahrrad! „Da konnte immer einer fahren und zwei mussten laufen, und das im Wechsel von Urberach bis Langen!“ Der Kriegsbeginn 1939 und die folgenden Jahre prägten die Jugend der späteren Eheleute sichtlich – bis dahin, dass Eduard Dutiné als bewusster „Nicht-Uniform-Träger“ in der Hitlerjugend nach dem Angriff auf Darmstadt die Straßen von Trümmern und Leichen säubern musste.

Die Lesungen zu Kindheit und Jugend in Urberach und Ober-Roden, im Lesezelt beim Brückenfest als Idee geboren, wird, wenn es nach den Zuhörern geht, sicher weiter lebendige Erinnerungen gegen das Vergessen wach halten.

Quelle: op-online.de

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