Maueröffnung

Exot aus sächsischer Plaste

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West-Kinder im Ost-Auto: Der Trabbi war in den Tagen unmittelbar nach dem Fall der Mauer ein bestaunter Exot – wie dieser Schnappschuss aus dem Album der Familie Ziesecke beweist.

Ein Trabbi im Hof und 100 Mark Begrüßungsgeld im Ober-Röder Rathaus: Wie ein Erfurter in Waldacker am Tag nach der Maueröffnung die neue Freiheit kennenlernte. 

Waldacker – 10. November 1989: An der Autobahnraststätte Weiskirchen stehen beim Tanken zwei Autos hintereinander, die unterschiedlicher kaum sein konnten: ein flaschengrüner BMW 2500 mit einem ebenso seriösen, selbstbewussten Geschäftsmann am Zapfhahn und ein betagter beigefarbener Trabant. Dessen Fahrer schaut sich unsicher nach Gesprächspartnern um, um einen Weg zu erfragen, dessen Ziel er eigentlich selbst nicht genau weiß.

Am Abend zuvor waren die alles verändernden Worte von der Öffnung der Mauer in der Prager Botschaft gefallen. Der Erfurter Jörg Baumgärtel – damals Mitte 30, verheiratet und Vater zweier Kinder – musste einfach „raus“, musste ausprobieren, ob die Worte stimmen, ob die Fernsehbilder auch wirklich der Wahrheit entsprachen. Seine Familie in Erfurt hielt ihn für verrückt. Aber er konnte nicht anders, setzte sich nach Dienstschluss in seiner Firma in den Trabant und fuhr in den Westen.

Kontakte hatte er keine, wohin also? Ihm fiel Mainz als Partnerstadt von Erfurt ein – irgendwie würde er da schon eine offene Tür finden. Es ausprobieren, wo es doch jetzt ging, das musste sein.

Peter Ziesecke, der Dialogmanager an der anderen Zapfsäule, kam natürlich ins Gespräch mit dem Suchenden und stellte fest, dass er nachts um 23 Uhr in Mainz auch nichts mehr erreichen kann. Kurzerhand lotste er ihn nach Waldacker: „Bei uns können Sie erst mal schlafen, und dann sehen wir weiter.“ An Schlaf war in dieser denkwürdigen Nacht lange nicht zu denken. Nach Stunden intensiver Gespräche zwischen gegenseitigem Staunen und Wundern fand der Gast einen Platz auf einer ausklappbaren Matratze im Zimmer des Ältesten der vier Kinder und versank vor lauter Erschöpfung über alles Neue in Tiefschlaf.

Sehr schnell wach waren dagegen die Kinder am nächsten Morgen. Florian, der Älteste, stolperte weniger über den fremden Gast in seinem Zimmer – so etwas passierte schon mal in dieser Familie – als vielmehr über den Blick aus seinem Fenster: „Geil! ’n Trabbi!!“ Der Aufschrei weckte den Rest der Kinder, die alle mehr oder weniger über den Ost-Besucher stolperten auf ihrem Weg zum Fenster. Ein „Plastikauto“ aus Sachsen hatten sie nie zuvor gesehen.

Wenige Stunden später sollte eben jener Trabbi sie alle einzeln aus Kindergarten oder Schule abholen und erregte damit noch viel Aufsehen. Schließlich war ein DDR-Auto am 11. November 1989 noch keine Selbstverständlichkeit in Waldacker.

Zuvor aber hatte sich Rödermark von seiner besten Seite gezeigt. Im Ober-Röder Rathaus gab’s unbürokratisch und problemlos nicht nur die 100 Mark Begrüßungsgeld, sondern auch noch viele freundliche Worte, die auf den offenen und reiselustigen „Ossi“ wie Balsam für die Seele wirkten. Ähnlich war sein erster Einkauf in einem Ober-Röder Supermarkt. Der Hunderter ging für Schokolade, Orangen, Bananen und Strumpfhosen für die Ehefrau beinahe drauf.

Diesem Besuch sollten noch viele weitere folgen, auch mit der ganzen Familie – so lange, bis unterschiedliche Lebensvorstellungen, die sehr viel mit Ost und West zu tun hatten, die Erfurter Familie zerstörten.

VON CHRISTINE ZIESECKE

Quelle: op-online.de

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