Leinenzwang und Wilderei

Extrem hohe Raubtierdichte

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Karl Otto Donners nimmt „Lilly“ an die Leine, wenn er mit ihr im Breidert spazieren geht. Auch er begegnet immer wieder Hundebesitzern, denen die Freiheit ihres Tieres wichtiger ist als Rücksicht auf andere Menschen. Der Parkplatz vor seinem Haus wird oft als Hundeklo missbraucht; er hat deshalb sogar schon Hundekot-Beutel samt „Gebrauchsanweisung“ an den Zaun gehängt.

Rödermark - Naturschützer, Jagdpächter und Bauern diskutieren mit Hundebesitzern über Leinenzwang und Wilderei. Einigkeit herrscht über eines: Ordnungspolizei soll schwarzen Schafen ans Leder. Von Michael Löw 

„Eine Fünf-Meter-Leine ist Tierquälerei!“, „Heute Morgen erst haben Hunde eine Mutter-Wildsau auf die B 45 gehetzt, wo sie überfahren wurde!“, „Wir sind im Krieg hier im Birkenweg!“ Die ersten beiden Aussagen sind schnell einer Hundefreundin und einem Jäger zuzuordnen, doch die dritte stammt nicht - wie mancher vielleicht denken könnte - von Ortslandwirt Werner Gaubatz: Eine Frau, die dort dreimal am Tag ihre beiden Hunde ausführt, ließ kein gutes Haar an anderen Hundebesitzern: „Die sind asozial und rücksichtslos!“

Gut eineinhalb Stunden versuchte der Bau- und Umweltausschuss am Mittwochabend, den Dialog zwischen Hundehaltern und -vereinen auf der einen und Bauern, Jägern und Naturschützern auf der anderen Seite in Gang zu bringen. Anlass waren eine Anfrage der schwarz-grünen Koalition zu Gefahren für wild lebende Tiere durch Hunde und die tags zuvor vom Parlament verabschiedete neue Leinenzwang-Satzung während der Brut- und Setzzeit. Die begrenzt die Leinenlänge auf eingangs erwähnte fünf Meter. Das Gespräch verlief relativ sachlich - ein paar Emotionen und Spitzen gehören jedoch dazu wie die Leckerli-Bauchtasche zum Gassi gehen.

Erster Stadtrat Jörg Rotter lieferte zunächst einmal Zahlen:

  • 1 333 Rödermärker zahlen Hundesteuer.
  • 1 103 besitzen einen Hund, 105 zwei und 8 drei Hunde.
  • Dazu kommen 19 hoch besteuerte Kampfhunde und 54 steuerfreie Hunde.

Das widerlege den Eindruck von CDU und AL, immer mehr Hunde rennen durchs Feld. In den vergangenen zehn Jahre habe sich ihre Zahl immer zwischen 1 315 und 1 390 bewegt.

Den Ärger der Jagdpächter brachte Adam Winter auf den Punkt. Streunende Hunde hetzen Wild zu Tode. Wenn eine Wildsau am helllichten Tag ihre Jungen verlässt und vor ein Auto rennt, kann sie seiner Ansicht nach nur von einem vierbeinigen Wilderer aufgeschreckt worden sein. Viele Hunde sind in den Augen der Jäger nicht nur der Hasen, sondern auch der Rehe (Verkehrs-)Tod. Sprechen Adam Winter und seine Kollegen die Leute an, begegnen ihnen entweder Unverschämtheit - „Du bist Jäger, was hast Du mir zu sagen?“ - oder Unkenntnis: Viele Hundebesitzer wüssten nicht, dass im Wald generell Leinenpflicht herrsche.

Der Urberacher Landwirt Gottfried Sterkel schätzt die Zahl uneinsichtiger Hundehalter auf 20 bis 25 Prozent. Besonderen Kummer machen ihm Leute, die sich Jagdhunde anschaffen, ohne auch nur im Geringsten mit der Jagd zu tun haben, und sich dann wundern, wenn sie jedem Hasen hinterher rennen.

33 erboste Hundebesitzer

Werner Gaubatz, dessen Äcker und Wiesen überwiegend im „Kriegsgebiet Birkenweg“ liegen, schilderte, wie eine alte Frau und ihr dreijähriger Enkel von zwei Hunden umkreist wurden, deren Herrchen untätig herumstand. Er sei 2013 von einem Hundebesitzer, den er zur Rede stellte, geschlagen worden, sein Handy ging zu Bruch. Der Staatsanwalt stellte das Verfahren ein.

Gaubatz wies im Ausschuss einmal mehr darauf hin, dass seine Felder Privatbesitz sind und er das Hausrecht habe. Soweit die Theorie, die Praxis sieht anders aus: 33 erboste Hundebesitzer riefen im Ordnungsamt an, nachdem er mit Jauche gedüngt hatte. Ihre Beschwerde: „Der Gaubatz hat seine Äcker gepuhlt, und wir können unsere Hunde dort nicht laufen lassen!“

Dritter im Bund der Klagenden war Dr. Rüdiger Werner vom Naturschutzbund. Der Hund sei ein Raubtier, und mit 1 333 Raubtieren auf 30 Quadratkilometern Gemarkungsfläche habe Rödermark eine Raubtierdichte jenseits aller Naturnormen. Die Rödermärker Hundevereine hatten die Einladung zur Ausschusssitzung ignoriert, also blieb’s am Publikum, die Position der Hundebesitzer zu verteidigen.

Karl Otto Donners konnte nach einem Gespräch mit Gaubatz die Sorgen der Landwirte nachvollziehen. Und eine bekennende Frei-Läuferin forderte „alle verantwortungsbewussten Hundebesitzer“ zu Zivilcourage auf. Sie sollten jene uneinsichtigen Zeitgenossen an die Kandarre nehmen, die ihre Tiere durch frisch eingesäte Getreidefelder oder über gemähte Wiesen toben lassen.

Was die Politiker mit in ihre Fraktionen genommen haben, fasste Stadtrat Rotter zusammen. Zum einen müssten sich Rödermark und seine Nachbarkommunen auf einheitliche Zeiten für den Leinenzwang verständigen. In Rödermark gilt er ab 1. März, in Rodgau schon seit 15. Februar. Mancher Nieder-Röder nutze diese zwei Wochen, um seinem Hund im Grenzgebiet Auslauf zu verschaffen. Nachdenkenswert seien Vorschläge, den Leinenzwang nach hinten zu verschieben, weil viele Vögel erst im April mit dem Brüten anfangen. Auch die von allen Seiten geforderten stärkeren Kontrollen durch das Ordnungsamt dürften Rotter nicht entgangen sein.

Quelle: op-online.de

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