Familienleben geht vor Erfolg

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Die beiden 37-Jährigen verdienen ihr Geld in Jobs, die keinen Acht-Stunden-Tag kennen.

Urberach ‐ Triathleten arbeiten in verantwortungsvoller Position und haben eine extrem hohe Scheidungsrate - behauptet eine Studie aus der Schweiz. Der ersten Aussage wollen Heike und Jörg Müller, die am 4. Juli beim Frankfurter Ironman starten, nicht widersprechen, die zweite wollen sie auf jeden Fall widerlegen. Von Michael Löw

Sie bringen Training, Wettkampf, Beruf und Familie unter einen Hut und stellen klar: „Unser Sohn Fynn ist die Nummer eins. Wenn er unter unserem Sport leidet, hören wir sofort auf!“

Die beiden 37-Jährigen verdienen ihr Geld in Jobs, die keinen Acht-Stunden-Tag kennen: Jörg Müller ist Regionalmanager Immobilien des Baukonzerns Strabag, Heike Müller Analystin bei Union-Investment. 12 bis 14 Stunden die Woche trainieren sie für den Ironman - manchmal zu ganz ungewöhnlichen Zeiten. Jörg Müller schnürt die Laufschuhe, wenn Fynn (5) schon im Bett liegt, und trabt abends zwei Stunden durchs Feld. Seine Frau fährt mit dem Fahrrad zu Arbeit nach Frankfurt und läuft mindestens einmal die Woche während ihrer Mittagspause.

Das bringt nicht nur Kilometer, sondern macht sie auch mit der Strecke vertraut. Heike Müller trainiert am Mainufer, wo nächsten Sonntag auch der Wettkampf stattfindet.

Ähnlich kinderfreundlich sieht‘s beim Schwimmen aus. Die Fahrt zum See ist ein Familienausflug mit Fynn, dann ist Arbeitsteilung abgesagt: einer planscht mit Fynn im seichten Wasser, der andere macht sich fit. Man müsse halt Organisationstalent und Leidenschaft miteinander kombinieren, meint Heike Müller, für die Leiden zum Triathlon gehört: „Es ist faszinierend, was man aus einem Körper herausholen kann, wenn man nur will.“ Man müsse über einen gewissen Schmerz - sofern man weiß, dass er kein Alarmsignal für eine Verletzung ist - hinauslaufen. Das sei jener Punkt, an dem andere Freizeitsportler ihrem inneren Schweinehund nachgeben.

Wie viele andere Triathleten sind auch die Müllers Quereinsteiger. Sie spielte 25 Jahre Tischtennis, er kann auf eine ähnliche lange Handballkarriere zurückblicken. Verantwortung im Beruf, Hausbau und Kind waren die typischen Stationen im Lebenslauf, in denen der Sport hinten anstehen mussten. Nach einem Bandscheibenvorfall beschloss Jörg Müller, er müsse wieder was machen, und schlug das Joggen als gemeinsame Freizeitbeschäftigung vor: „Aber es war schwer vorstellbar, weil uns Ball und Gegner fehlten.“

Man trabte so vor sich hin, der Durchbruch kam Ostern 2004 bei einem Lauf um die Außenalster in Hamburg. „Erschöpft, aber beflügelt“, beschreibt Heike Müller heute das Gefühl von damals, dem das Paar das regelmäßige Laufen verdankt. Und weil sie beide

„Leute sind, die sich ein Ziel setzen“, war‘s nur ein kleiner Schritt bis zum ersten Zehn-Kilometer-Rennen und ein etwas größerer bis zum ersten Marathon. Mittlerweile haben beide die klassischen 42,195 Kilometer viermal absolviert.

Diese Strecke haben die Müllers nächste Woche noch vor sich, wenn ihnen schon 3,8 Kilometer Schwimmen und 180 Kilometer auf dem Fahrrad in den Knochen stecken.

Eine knüppelharte Anstrengung also, doch am meisten Respekt nötigt den Müllers offenbar das Schwimmen ab. „Das ist im Wettkampf immer eine Prügelei“, berichtet Jörg Müller vom Schlagen, Strampeln, Treten und Drängeln im Wasser. Heike Müller trainiert im Triathlonzentrum Darmstadt und schwört auf ihre persönliche Trainerin. Die feilte so an ihrem Stil, dass sie innerhalb kürzester Zeit von der „Zehn-Meter-Luftschnapp-Technik“ zur 1 000-Meter-Strecke kam.

150 Kilometer ist Heike Müller seit Anfang des Jahres geschwommen. Dazu kommen 3 500 Kilometer Radfahren und 800 Kilometer Laufen. Im Trainingsprotokoll ihres Mannes stehen 120, 4 000 und 1 000 Kilometer. Mit Rücksicht auf Fynn haben die Müllers meist getrennt trainiert. Und auch den Wettkampf werden sie nicht gemeinsam bestreiten: Zu groß ist das Gedränge beim Start, zu groß ist der Leistungsunterschied. Heike Müller peilt für ihre Ironman-Premiere eine Zeit von unter 13 Stunden an, ihr Mann hat sich bei seinem zweiten Triathlonklassiker ein ehrgeizigeres Ziel gesetzt: „Unter zwölf Stunden ist Pflicht.“ Wenn alles klappt, hält er eine Zeit von knapp über elf Stunden für realistisch.

So oder so: Er hat Fynn sein Wort gegeben, dass er Hand in Hand mit ihm über die Ziellinie am Römer läuft.

Quelle: op-online.de

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