Feiger Überfall auf Behinderten

Ober-Roden/Darmstadt ‐ Sie haben zwei Betrunkene in Ober-Roden um ein paar hundert Euro beraubt und einen Gehbehinderten in Dietzenbach überfallen: Deshalb stehen seit gestern vier junge Männer (19 bis 22) vor dem Landgericht in Darmstadt. Von Michael Löw

Am ersten Verhandlungstag haben sie die Taten weitgehend gestanden und sich bei den Opfern - sofern das Gericht sie als Zeuge geladen hatte - entschuldigt. Der 22-Jährige hat einem Opfer sogar 3 000 Euro Wiedergutmachung angeboten. Den Angeklagten drohen Haftstrafen zwischen eineinhalb Jahren auf Bewährung und drei Jahren Gefängnis.

Die Taten:

Am 20. September vorigen Jahres haben drei der Angeklagten nachts um eins einen Betrunkenen in der Forststraße abgepasst, den Mann zu Boden gestoßen und ihm zwei Tritte ins Gesicht verpasst. Ihre Beute: 170 Euro. Das Opfer erlitt eine Kopfwunde, Rippenprellungen und verlor die Brücke von acht Zähnen. Eine Woche später boten die jungen Männer einem sturzbetrunkenen Besucher der Ober-Röder Kerb scheinheilig an, ihn nach Hause zu fahren. Statt eines Gratis-Taxis gab‘s Hiebe. Das Opfer verlor 90 Euro und sein Handy. Am 20. Januar rempelten die Angeklagten in Dietzenbach einen Schwerbehinderten zu Boden, raubten Krückstock und die allerdings leere Geldbörse. Nicht so recht in dieses Schema passt der Einbruch in eine Frankfurter Sisha-Bar, bei dem sie 450 Euro und eine Playstation erbeuteten.

Die Angeklagten:

Die vier jungen Männer wuchsen im Dietzenbacher Spessartviertel auf, sind türkischer Herkunft und lebten in Familien mit bis zu zehn Angehörige. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten. Der 20-Jährige stand kurz vorm Fachabitur, einer seiner Kumpels arbeitete nach erfolgreichem Hauptschulabschluss im Rewe-Zentrallager. Der 22-Jährige besuchte die Sonderschule, brach die Lehre in einem Reifenhandel ab, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und arbeitete zuletzt im Dönergrill seines Cousins. Er war derjenige, der die Entschädigung anbot, obwohl er „nur“ der Fahrer des Fluchtautos war, und sich gestern als Erster bei den Überfallenen entschuldigte.

Die Opfer:

Dem 50-jährigen Ober-Röder, der am 20. September beraubt wurde, hängt die Angst Monate nach der Tat noch nach: „Abends traue ich mich nicht mehr so einfach wegzugehen“, sagte er gestern im Zeugenstand. Seit dem Überfall sucht er einen Begleiter für den Heimweg. Das Kerb-Opfer, ein Industriemechaniker aus Nieder-Roden, sah die Attacke eher als einmaligen Vorfall, den er innerlich abgehakt hat. Diesen Eindruck jedenfalls erweckte er bei der Vernehmung.

Der Versuch einer Absprache:

Ausführliche Geständnisse, erkennbare Reue und kaum Vorstrafen bei den Angeklagten boten sich eigentlich für einen Deal unter Juristen an. Der Staatsanwalt ließ den Vorwurf der Bandenbildung fallen und wollte das Strafmaß auf „drei Jahre plus x Monate“ für die beiden Hauptangeklagten und Jugendstrafen mit Bewährung für die Mittäter begrenzen. Im Gegenzug stellten die Verteidiger ihre Mandanten auch nicht als Unschuldlämmer dar und plädierten für Strafen zwischen sechs Monaten und zwei Jahren. Richterin Andrea Röhrig hielt Maximalstrafen zwischen eineinhalb und drei Jahren für angemessen. Vorausgesetzt, alle Angeklagten legen umfassende Geständnisse ab. Weil einer der Räuber widersprüchliche Aussagen machte, gilt das Geschäft für ihn nicht mehr.

Offene Fragen:

Der Prozess wird am nächsten Dienstag um 9 Uhr fortgesetzt.

Was treibt vier junge Männer, die so gar nicht ins Klischee des prügelnden Räubers passen, zu den Überfällen? Betrunkene und Behinderte sind zwar leichte, aber selten lohnende Opfer. Die Beute aus Ober-Roden und Dietzenbach beweist‘s ja. Das Geld wurde nicht mal unter allen Angeklagten aufgeteilt, ein 19-Jähriger wurde mit einer Cola und einem Schokoriegel buchstäblich abgespeist. Der Anklagepunkt Bandenbildung ist zwar vom Tisch, doch die Richterin will die Binnenstruktur des Quartetts näher beleuchten: Manche Aussagen nährten in ihr den Verdacht, dass entweder Angst und Drohungen, zumindest aber falsch verstandene Freundschaft dahinter stehen.

Quelle: op-online.de

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