Afghanischer Moslem und deutscher Christ feiern zusammen Weihnachten

Rödermark: Flüchtlings-Netzwerk hilft Minenopfer

Eine Mine hat vor Jahren das linke Bein von Sayed Mohammad zerrissen. In Afghanistan bekam er eine ganz einfache Prothese. Nach seiner Flucht spielte er in Deutschland zunächst Rollstuhl-Basketball und fand Spender für eine Sportfeder aus Carbon.
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Rödermark: Eine Mine hat vor Jahren das linke Bein von Sayed Mohammad zerrissen. In Afghanistan bekam er eine ganz einfache Prothese. Nach seiner Flucht spielte er in Deutschland zunächst Rollstuhl-Basketball und fand Spender für eine Sportfeder aus Carbon.

Der Christ Gerd Schirmuli und der Moslem Sayed Mohammad feiern heute gemeinsam Weihnachten. Das Rödermärker Netzwerk für Flüchtlinge hat den Dietzenbacher Rentner und den afghanischen Flüchtling, der bei einer Minenexplosion schwer verletzt wurde, zu einer multireligiösen Gemeinschaft gemacht.

Rödermark – Ein Netzwerk zu haben, das einen – auch ganz wörtlich – auffängt, wenn man Halt und Hilfe benötigt, ist für jeden Menschen wichtig. Das wird sogar vielen gut situierten und sozial eingebundenen Menschen in diesem Ausnahmejahr klar – ohne Netz ist man manchmal ganz schön einsam. Wie gut Netzwerke tun, wenn man plötzlich völlig allein und hilflos an fremden Orten ist, können vor allem die vielen geflüchteten Menschen erzählen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland kamen. Beim „Netzwerk für Flüchtlinge in Rödermark“ (NFR) ist der Name Programm und Verpflichtung.

Die Vorsitzende Brigitte Speidel-Frey knüpfte für uns die Kontakte zu dem heute 27-jährigen Sayed Mohammad und seinem „Baba“ Gerd Schirmuli (79).

Sayed, damals 14, und seine die Familie waren in Afghanistan unterwegs, als sie beschossen wurden. Der Bruder starb, und bei seinem Versuch, die schwer verletzte Mutter zu retten, trat der Junge auf eine Mine. Er verlor den linken Unterschenkel, eine lange Leidensgeschichte begann. Der Familie war es nicht möglich, ein behindertes Kind großzuziehen. Sayed kam in ein Kinderheim und lernte mit einer einfachen Prothese zu laufen.

Das Internationale Rote Kreuz brachte Sayed Mohammad zu einer afghanischen Rollstuhl-Basketball-Mannschaft. Sein Erfolg war groß; er wurde in die Nationalmannschaft aufgenommen. Der Trainer nahm ihn mit zu einem internationalen Turnier in Mailand und empfahl im dringend, sich von Italien aus nach Deutschland abzusetzen. Er hatte ein bisschen Geld gespart und kam mit dem Bus über Paris ins Auffanglager Gießen.

Von da aus wurde der junge Flüchtling nach Rödermark geschickt und damit in die Obhut des Netzwerks für Flüchtlinge.

In seiner neuen Heimat traf er auf den Rentner Gerd Schirmuli, der für das Netzwerk Deutschkurse gab. Letztlich hat auch er eine Vergangenheit als Flüchtling: In seiner Jugend hatte der friedensbewegte Kriegsdienstverweigerer seine Heimat Haiger verlassen und war in den Bergbau gegangen, um der Bundeswehr zu entkommen. „Ich habe zwischenzeitlich einmal drei Jahre beruflich bedingt in Amsterdam gelebt. Schon da ist es mir schwer gefallen, Kontakte und Anschluss zu finden – wie schwer muss es Geflüchteten erst fallen“, erzählt er.

Gerd Schirmuli erlangte über die Deutschkurse rasch das Vertrauen des jungen Afghanen und kümmerte sich zunehmend mehr um ihn. Als er seinem Schützling das „Du“ anbot, fragte Sayed, ob er ihn wohl auch mit „Baba“ ansprechen dürfte – zu seinem Vater hat er seit seiner Flucht keinerlei Kontakt.

Gemeinsam suchten sie im Frühjahr eine neue Wohnmöglichkeit. Denn die Bedingungen zunächst im City-Hotel und danach in der Odenwaldstraße waren für das Lernen und das Vorbereiten auf die anstehenden Abschlussprüfungen wahrlich nicht gut. Als alles Suchen nichts half, schlug Gerd Schirmuli Sayed vor, doch in seine Dietzenbacher Eigentumswohnung einzuziehen.

Seit Mai bilden die Beiden eine Wohngemeinschaft, in der wohl jeder vom anderen profitiert. Gerd Schirmuli fuhr Sayed regelmäßig zum Training der Behinderten-Rollstuhlmannschaft „Sky Wheelers Wetzlar“, mit der er auch in der Liga spielte. Über Sportkollegen kam er zum Laufen. Ein Sponsor hatte ihm einen Sportrollstuhl geliehen, mit dem es Sayed sogar bis ins ZDF zu Moderator Claus Kleber schaffte, wo er über seinen Sport erzählte und damit auch für Bekanntheit und für Spenden warb.

Der Erfolg: Sayed Mohammad bekam die heiß ersehnten und bei Profis immer wieder im Mittelpunkt stehenden Sportprothesen mit Carbonfedern. Seither hat er das Laufen in den Mittelpunkt gestellt und sich in der sich Initiative „Laufen im Wind“ engagiert. Vor ein paar Tagen erst hat er mit der Theorieprüfung seine Ausbildung zum Orthopädiemechanik-Techniker bei der Firma Spörer abgeschlossen. Die praktische Prüfung hatte er schon vor einem halben Jahr mit Bravour bestanden. Der Flüchtling aus Afghanistan versteht sein Handwerk und ist bei den Kunden sehr beliebt, da er wirklich weiß, wovon er spricht, und handwerklich sehr geschickt ist. Nur mit der Sprache haperte es noch etwas. Jetzt heißt es Warten und Hoffen.

Und wie wird in der Wohngemeinschaft Weihnachten gefeiert? Der eine, Gerd Schirmuli, ist bekennender Katholik, dem die gewohnten Gottesdienstfeiern sehr fehlen. Der andere, Sayed, ist ein Muslim, der aber durchaus auch einmal mit in einen katholischen Gottesdienst geht.

„Ich wollte eigentlich diesmal gar nicht feiern; es ist ja eh alles so anders“, erzählt Gerd Schirmuli, schränkt aber schon leicht ein: „Einen Christbaum werde ich schon noch besorgen!“ Sayed jedenfalls freut sich schon aufs Fest: „Wenn ich hier lebe – und es gefällt mir sehr hier –, dann möchte ich auch so leben wie die Menschen hier und ihre Rituale und Traditionen mit erleben.“ Dann auch mit der Gewissheit, seine theoretische Prüfung und damit die Gesellenprüfung bestanden zu haben und – als größtes Weihnachtsgeschenk – von seiner Ausbildungsfirma übernommen zu werden. Im Frühsommer 2022 läuft seine Aufenthaltserlaubnis aus. Dann hofft er auf eine ständige Bleibe hier und auf die Möglichkeit, einen deutschen Pass zu beantragen. (Christine Ziesecke)

Rödermark: Gerd Schirmuli ist auf dem Papier der Pate von Sayed Mohammad. Doch der bat ihn, „Baba“ sagen zu dürfen.

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