Flüchtlingsfamilien in Rödermark

Die Angst war allgegenwärtig

+
Der, die, das: Ahmed aus Pakistan hat eine Lektion aus seinem Deutschkurs an die Wand gepinnt. Vorsichtig geschätzte 20 Quadratmeter im „City Hotel“ sind für ihn und seine Familie Küche, Wohn- und Schlafzimmer. Wie alle Flüchtlinge, mit denen wir sprachen, wollte er weder mit seinem richtigen Namen noch mit seinem Gesicht in die Zeitung.

Rödermark - „Very, very danger“, radebrecht Yonas, wenn er seinen Weg nach Deutschland zusammenfasst. Und Munawar braucht auch nur wenige englische Worte für ihre letzte Etappe: „It was a horrortrip!“. Von Michael Löw 

Beide sind 28 Jahre alt, beide sind aus ihrer Heimat geflüchtet und haben in Urberach eine vorläufige Bleibe gefunden, beide sind verheiratet und haben ein Kind. Und beide wollen ihre richtigen Namen nicht in der Zeitung sehen. Die Angst um zurück gebliebene Angehörige ist groß. Wir haben deshalb all unseren Gesprächspartnern landestypische Pseudo-Namen gegeben. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Yonas hatte in Eritrea einen Job bei der Polizei. Als er gegen die Arbeitsbedingungen aufmuckte, wurde er misshandelt und kehrte seiner Heimat den Rücken. Munawar ist eine Ahmadiyya-Muslima, ihre Familie wurde im moslemischen Pakistan wegen eines vermeintlich falschen Glaubens verfolgt.

„Wir wurden schon von unseren Lehrern diskriminiert“, erzählt Munawars Mann Ahmed (38). Was in der Schule begann, setzte sich das ganze Leben lang fort. Ahmadiyya-Anhänger dürfen mit anderen Moslems keine Geschäfte machen und auch sie nicht heiraten. Selbst das gemeinsame Gebet ist ihnen verboten. „Wenn wir Salam Aleikum (der islamische Gruß schlechthin, Anmerkung der Redaktion) sagen, heißt es, wir verletzen die Gefühle der wahren Moslems“, sagt Munawar verbittert. Ihre Moscheen dürfen die Ahmadiyyas in Pakistan nicht Moschee, sondern nur Gebetsstätten nennen.

Arbeit in einer Regiertungsbehörde

Paradoxerweise arbeitete Ahmed zuletzt für eine Regiertungsbehörde. Bei der Einstellung hatte niemand nach seinem Glauben gefragt. Erst als seine Kollegen merkten, dass er nicht mit ihnen betete, flog die Sache auf. Über die arabischen Emirate flog Ahmed nach Deutschland, landete schließlich in Urberach, wo schon eine Schwester lebt. Das war im Februar 2013. Seine Frau Munawar und ihr Sohn flogen getrennt und strandeten zunächst in London. Mutter und Kind fanden einen Schlepper, der sie mit ungefähr 15 Landsleuten in einen Lkw-Anhänger pferchte und nach Deutschland schmuggelte. Diesen Horrortrip hat sie bis heute nicht vergessen.

Die Familie wohnte zunächst in einem ehemaligen Doppelzimmer des „City Hotels“ in Urberach. Das Bad musste sie sich mit fünf einzelnen Männern teilen. Vor ein paar Wochen zogen die pakistanischen Flüchtlinge in den dritten Stock. Ein eigenes Bad ist der einzige Luxus. Auf knapp 20 Quadratmetern stehen ein Doppel- und eine Kinderbett sowie ein winziger Küchenschrank mit Lebensmitteln und Geschirr. Der übrige Hausrat ist auf zwei Tische verteilt. Zum Abschied zeigt mir Ahmed ein Foto auf seinem Handy. Ich blicke in die gebrochenen Augen und das blutgetränkte Hemd eines Glaubensbruders, der am 26. Mai in Pakistan erschossen wurde...

Der Tod war auch Yonas" Weggefährte. Er arbeitete in einer Autowerkstatt der eritreischen Polizei. Doch als er ein paar freie Tage forderte, um seine Mutter zu besuchen, wurden seine bisherigen Kollegen Peiniger. Fast ein Jahr versteckte er sich in einer Höhle. Dann schlug er sich mit seiner schwangeren Frau in den Sudan durch. Manche Beweggründe und etliche Details bleiben offen, wenn Yonas in seinem holprigen Englisch von der Flucht erzählt. Oft lässt er die Bilder auf seinem Handy sprechen: Sie zeigen ihn und seine Frau Mebrat mitten in der libyschen Wüste. In einer Gruppe von vielleicht einem Dutzend Menschen warten sie vor einem Lastwagen auf den Weitertransport.

2 000 Dollar haben sie Schleppern für die Fahrt bis in die Stadt. Bengasi bezahlt. Seine Mutter, die ein kleines Hotel in Eritrea besitzt, hatte ihm das Geld vorgeschossen. In Bengasi fordern die Schlepper nochmals 1 000 Dollar für die Strecke bis Tripolis. 16 Stunden kauern Yonas und Mebrat zwischen der Ladung eines Lkw - ohne einen Tropfen Wasser. 20 Somali starben bei einem ähnlichen Transport. Doch dieses Risiko ist den beiden lieber als die Ungewissheit in Bengasi. „Flüchtlinge kalkulieren knallhart ein, dass ein Viertel von ihnen nicht überlebt“, hatte Günter Burkhardt, der Bundesgeschäftsführer von Pro Asyl, Ende Januar in einem Vortrag an der Nell-Breuning-Schule berichtet.

In Tripolis finden Yonas und Mebrat einen Fischkutter, der sie auf die italienische Insel Lampedusa bringt. Das kostet nochmal 3 200 Dollar. Es geht auch billiger übers Mittelmeer, erzählt Yonas und zeigt Bilder von hoffnungslos überfüllten Schlauchbooten. Doch um diese billigen Plätze kämpfen die völlig Mittellosen aus Uganda und Nigeria. Angesichts solcher Fakten bleibt Katrin Jäger und Carina Unger vom Rödermärker Integrationsnetzwerk, die das Paar und sein gottlob in Deutschland geborenes Baby betreuen, nur die Flucht in den Sarkasmus: „Flucht ist nichts für Arme!“

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion