Raum für eine letzte Begegnung

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Schlicht und würdevoll ist der Abschiedsraum auf dem Ober-Röder Friedhof, den Pfarrer Elmar Jung (Foto) gestern mit seinen Kollegen Carsten Fleckenstein (evangelische Kirchengemeinde) und Jens Bertram (Freie evangelische Gemeinde) einsegnete.

Rödermark (lö) - Hinterbliebene nehmen einerseits wieder bewusster Abschied von verstorbenen Angehörigen. Andererseits wollen oder können sie sich nicht jahrzehntelang mit einer aufwändigen Grabpflege belasten.

Dieser gegenläufigen Entwicklung will die Stadt Rechnung tragen und gestaltet die Friedhöfe um.

In Ober-Roden weihten die Pfarrer Elmar Jung, Carsten Fleckenstein und Jens Bertram gestern einen Abschiedsraum - der erste in der Region. Er bietet bis zu 15 Personen Platz für eine Trauerfeier im engsten Familienkreis. „Ein guter Abschied hinterlässt ein positives Gefühl“, sagte Standesamtsleiterin Regina Leiherer. Ein letzter Händedruck, eine letzte zärtliche Geste, ein letztes Zusammensein, aber auch die Chance, Ungesagtes noch einmal aussprechen zu können, um Verzeihung zu bitten oder sich zu bedanken: All dies soll den Hinterbliebenen bei einer Aufbahrung des offenen oder geschlossenen Sarges ermöglicht werden.

Der Abschiedsraum wurde im Januar eröffnet, das Interesse ist groß. „Wir hatten hier schon fünf Aufbahrungen“, berichtete Tanja Walther von der Ober-Röder Pietät Huther. Kollegin Rita Saager hat bisher zwei Familien die letzte Begegnung in würdevoller Umgebung ermöglicht. „Die Angehörigen empfanden das als wohl tuend“, waren sich die Bestatterinnen einig.

Spende an der Einrichtung

Beide Pietäten haben sich mit einer Spende an der Einrichtung beteiligt. Rita Saager übernahm die Kosten für die Dekoration im Flur, die Familie Walter stiftete eine Bank. Die Stadt ließ sich den Umbau des früheren Sezierraumes 46.000 Euro kosten, ergänzte der Erste Stadtrat Alexander Sturm.

70 Prozent der Deutschen würden gerne daheim in vertrauter Umgebung sterben. Doch die Realität sieht genau andersherum aus: 70 Prozent tun ihren letzten Atemzug in einer Klinik, also in steriler Atmosphäre und mit großem Abstand von den Verwandten. Die Tradition der Aufbahrung geriet in Vergessenheit - zumal viele Angehörige den Verstorbenen in Erinnerung behalten wollten, wie sie ihm lebend kannten. Der Abschiedsraum erlaubt eine Rückkehr zur alten Trauerkultur.

Seit Anfang der Woche lässt die Stadt die Bodenplatten auf dem Ober-Röder Friedhof austauschen. Der Frost, so Sturm, habe den Weg in die Trauerhalle zur Stolperstrecke gemacht.

Weitere Arbeiten auf beiden Friedhöfen geplant

Außerdem seien für dieses Jahr noch weitere Arbeiten auf beiden Friedhöfen geplant. In Ober-Roden wird ein ehemaliges Reihengrabfeld zu einem Areal für schlichte Bestattungsformen. Klassische Erdbestattungen sind in pflegeleichten Rasengräbern mit Rosenbeeten möglich, die Urnenbeisetzungen in Bodendecker-Pflanzbeeten.

Parallel zu den Rosenbeeten lässt die Stadt einen Weg anlegen und trennt das Urnenfeld durch Bäume ab - eine ortsnahes Alternative zu Friedwald oder Ruheforst. In einem ersten Bauabschnitt wird Platz für 23 Erdgrabstellen und 50 Urnengrabstellen geschaffen.

Auf dem Friedhof Urberach sind die Sanierung der Außenfassade der Trauerhalle und der Einbau von neuen Fenstern und Türen abgeschlossen. Bis zum Frühsommer soll nun eine sechseckige Urnengemeinschaftsanlage für 96 Urnen errichtet werden. Mittelpunkt soll eine Gedenkskulptur sein.

Für die nächsten Jahre plant die Stadt zusätzliche pflegefreie Bestattungsangebote. Damit, so Sturm, trage die Stadt auch dem Wunsch vieler alter Menschen Rechnung. Selbst die Generation, die die Gräber ihrer Eltern noch liebevoll und aufwändig pflegt, will ihren Nachkommen nicht auf Jahre mit einer teuren Grabpflege zur Last fallen.

Quelle: op-online.de

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