Edmund Seib (fast 94) ist fit wie der sprichwörtliche Turnschuh

Rödermark: Gesang hält Sport-Altmeister jung

Mit fast 94 selbstverständlich fit: Der Hometrainer steht mitten im Wohnzimmer und bereitet Edmund Seib nicht die geringste Mühe. „Ich muss doch etwas tun, wenn ich schon keinen richtigen Sport mehr mache“, sagt er und meint die vielen Medaillen, die hinter ihm an der Wand hängen.
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Rödermark: Der Hometrainer steht mitten im Wohnzimmer und bereitet Edmund Seib nicht die geringste Mühe. „Ich muss doch etwas tun, wenn ich schon keinen richtigen Sport mehr mache“, sagt er und meint die vielen Medaillen, die hinter ihm an der Wand hängen.

Ein echtes Urberacher Original: Mit demnächst 94 Jahren ist Edmund Seib noch fit wie der berühmte Turnschuh und steigt fast täglich aufs Trimmrad. Und als Sänger genießt er den Spitznamen „Johannes Heesters von Orwisch“.

Rödermark – Was wünscht man sich, wenn man in der nächsten Woche, am 28. Oktober, 94 Jahre alt wird wie der waschechte Urberacher Edmund Seib? Gesundheit, logisch. „Aber vor Corona hab ich keine Angst!“, demonstriert er Gelassenheit. Und was ihm mindestens genauso wichtig ist: „Weiter singen können!“

Sagt’s, holt tief Luft und gibt ohne jede Vorbereitung stimmgewaltig ein kleines Wohnzimmerkonzert, das sein Haus fast erbeben lässt. „Ich werde ständig noch gebeten, auf Hochzeiten und Festen zu singen“, erzählt der betagte Sänger stolz. „Ich kann gar nicht mehr zählen, bei wie vielen Hochzeiten ich schon das ‚Ave Maria‘ gesungen habe.“ Und damit hat Edmund Seib wahrscheinlich so manches so Kirchenschiff mit seiner voluminösen Stimme gefüllt.

Bei einem Auftritt im Hof des „Herschwerth“ hat ihm die Senioren-Union Rödermark vor ein paar Tagen den Ehrentitel „Johannes Heesters von Orwisch“ verliehen – das gefällt ihm sehr und spornt ihn an. Schließlich wurde dieser große Entertainer stolze 108 Jahre alt.

Fast 80 Jahre ist Edmund Seib Mitglied des hessischen Sängerbundes und des Sängerkreises Offenbach, Jahrzehnte hat er im einstigen Männerchor der Sängerlust Edelweiß Urberach gesungen und war 50 Jahre Dirigent und Vizedirigent. Und sogar jetzt muss er selbst beim täglichen Abholen seines Mittagessens im Restaurant „Zagreb“ immer wieder einem Geburtstagskind ein Ständchen darbringen.

Aber das ist für ihn eine Ehre und ein Ansporn zugleich. Singen kann er noch, mit kraftvoller, klarer und keineswegs brüchiger Stimme, und so freut er sich über jede Anfrage, egal ob Volkslied oder Oper. Oder natürlich selbst Komponiertes wie sein eigenes Weihnachtslied, das alle Jahre vom Polizeichor in Essen gesungen wird, wo es auch seine Uraufführung fand. Seither laden ihn die Polizisten immer zum Weihnachtskonzert ein.

„Das wird aber dieses Jahr nun nichts“, trauert er den Vor-Corona-Zeiten nach. Und auch seine Auftritte in Kerbtheatern, bei Fastnachtsfeiern oder als Bischof Nikolaus auf dem Orwischer Nikolausmarkt fallen in nächster Zeit wohl aus.

Dabei hilft das Singen Edmund Seib darüber hinweg, dass er keinen Sport mehr macht – zumindest nicht wettkampfmäßig; wohl aber zuhause auf dem Trimmrad. Dutzende von Medaillen, Urkunden, Pokalen und die bei Starts in aller Welt geschossenen Siegerfotos (so etwa auch in Puerto Rico/Mittelamerika) machen seine Wohnung zu einem kleinen Museum, und er wird nicht müde zu erzählen. Natürlich auch von seinen fünf Weltmeistertiteln im Zehnkampf. Den letzten gewann in Helsinki im August 2009.

Dieser Wettkampf in der finnischen Hauptstadt bedeutete aber auch das Ende einer sportlichen Top-Karriere. Noch im Stadion, nach seinem letzten Lauf, den er mit 20 Meter Vorsprung gewonnen hatte, erlitt Edmund Seib einen leichten Herzinfarkt. „Ich hatte nur Glück, dass ein Rettungswagen direkt an der Bande stand und ich sofort versorgt wurde“, hatte er Glück im Unglück.

Seib ist der letzte noch lebende Gründer des BSC Urberach. Der Verein hat ihm zu Ehren sogar die 52 Meter lange obstbaumumstandene Zufahrtsstraße in „Edmund-Seib-Allee“ genannt. Und Ministerpräsident Volker Bouffier hat ihn mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen ausgezeichnet.

Jetzt zählen für ihn mehr die kleinen Erfolge. Sein Tagesplan reicht vom Putzen seiner Wohnung bis hin zum täglichen Einkaufen und mehrmaligen kleinen Spaziergängen. Zwischen 8 und 9 Uhr steht er morgens auf; gegen 22 Uhr zieht er sich zurück, um im Bett noch etwas fernzusehen oder zu lesen.

Und dann textet er wohl auch noch seine zahllosen Lieder wie etwa sein neuestes: „Nun bin ich 94 Jahre alt, meine Haare werden langsam grau. Meine Füße sind meist kalt. Und bald hab ich keine Sorge mehr und Not, brauch mich bald nicht mehr Sorgen um mein täglich Brot.“

Wer erlebt, wie fit Edmund Seib ist, wird das kaum glauben. (Christine Ziesecke)

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