Serie: Rödermärker Perlen

Geschäfte mit Geschichte

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Die Dieburger Straße war um 1950 eine Einkaufsstraße, deren Bild noch nicht von Autos geprägt wurde.

Rödermark - Einkaufstradition in Ober-Roden und Urberach musste oft dem Fortschritt weichen. Von Michael Löw 

Jüdische Familien wie die Adlers in Urberach waren während der zwanziger und dreißiger Jahre etablierte Geschäftsleute. Selbst nachdem die Nazis zum Boykott aufgerufen hatten, kauften Ober-Röder und Urberacher bei ihnen ein.

Seinen Kommunionanzug kaufte Eduard Dutiné in Frankfurt. Es war das erste Mal, dass der heute 84-Jährige in die große Stadt fuhr, denn die Dinge des täglichen Lebens bekamen Urberacher und Ober-Röder im Ort. Doch von der Laden-Vielfalt dieser Zeit ist nur noch wenig übrig geblieben. Am ehesten haben sich noch die Geschäfte behauptet, die die Leute satt machen. In unserer Serie „Tradition an der Ladenkasse“ haben wir zum Beispiel die Bäckerei Schrod aus Ober-Roden vorgestellt. Die Urberacher Metzgerei Knapp verkauft schon seit 100 Jahren am „Dalles“ Fleisch und Wurst, das moderne Geschäft hat mit dem Backsteinbau von 1914 nur noch die Inhaberfamilie gemein. Ebenfalls um diese Zeit hatte die Familie Frank ihren Lebensmittel- und Gemischtwarenladen an der Ecke von Töpfer- und Schömbsstraße eröffnet. Patricia Lips, die Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, erinnert sich mit einer gewissen Portion Wehmut daran, dass die besser sortierte Konkurrenz das kleine Geschäft Anfang der siebziger Jahre zum Aufgeben zwang.

Nach dem sonntäglichen Kirchgang schlenderten die Ober-Röder durch die Frankfurter Straße. Das Foto aus den Fünfzigern dürfte eines der ersten Farbbilder im Ort gewesen sein.

Ein Kapitel für sich - und zwar ein ganz, ganz düsteres - ist das Ende des jüdischen Geschäftslebens unterm Hakenkreuz. Die Schuhe zu Klein-Edus Kommunionanzug kaufte die Familie Dutiné noch ganz selbstverständlich bei Berta Hecht in der Frankfurter Straße. Doch kaum hatte Hitlers NSDAP ihre Augen und Ohren überall, gingen die Ober-Röder nur noch heimlich bei ihren jüdischen Nachbarn einkaufen. In der so genannten Reichskristallnacht am 9. November 1938 verwüsteten Nazi-Schlägertrupps Laden und Wohnung der Familie Hecht.

Der Erste Weltkrieg auf Feldpostkarten

Der Erste Weltkrieg auf Feldpostkarten

In Urberach wurde in dieser Nacht das Hauswäschegeschäft von Julius Adler in der Bahnhofstraße ein Opfer des NS-Terrors. Der Kaufmann wurde tags darauf verhaftet und ins KZ Buchenwald gebracht. Eine Gedenkstätte erinnert seit 2009 in der Bahnhofstraße an die vertriebenen und getöteten Juden, von den viele kleine Läden hatten.

Quelle: op-online.de

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