Ober-Roden

Glänzendes Metall lässt Narren strahlen

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Fastnachtsorden zieren in diesen Tagen wieder Uniformen

Ober-Roden - (lö) Sie klimpern dieser Tage wieder vor stolz geschwellter Elferratsbrust, zieren Uniformen von Funkenmariechen und hautenge Anzüge der Gardetänzerinnen oder verschwinden nach dem letzten „Hellau“ kaum beachtet in den Taschen angereister Büttenprofis.

Fastnachtsorden sind der Narren ideeller Lohn - und für Rainer Killmannklingende Münze. Der Graveurmeister entwirft und fertigt sowohl exklusive Einzelstücke für verdiente Karnevalisten als auch Großserien, die sämtlichen Akteuren einer Fremdensitzung verliehen werden.

Bis zu 200 verschiedene Orden verlassen seine Werkstatt in dieser Kampagne. Das Geschäft mit der Narretei macht zwischen 15 und 20 Prozent seines Umsatzes aus. Wobei‘s natürlich Betriebsgeheimnis bleibt, wie viele der 200 Motive preisgünstig in Serie gehen und wie viele aufwändig mit Stempeln geprägt werden. Sein karnevalistisches Premiumprodukt sind Stück für Stück aus Kupfer oder Messing herausgefräste Orden. Rainer Killmann: „Es rechnet sich nicht, für elf Elferräte einen Stempel zu machen.“

Die Prägemedaille - wie es im Handwerk korrekt heißt - ist die zweite Stufe in der Ordenshierarchie. Killmann stellt Stempel aus Stahl her, die das vom Kunden gewünschte Motiv spiegelverkehrt zeigen. Ein Stempel für die Vorder-, einer für die Rückseite.

Für die närrische Massenware fräst er lediglich den Bajazz oder das Kampagnenmotto aus dem Metall heraus und gibt das Muster weiter an die Gießerei. Direkt arbeitet Rainer Killmann nur mit einer Handvoll Vereinen - der TS Ober-Roden oder der TGM SV Jügesheim beispielsweise - zusammen, die meisten Kundenkontakte vermittelt die Gießerei.

Voraus schauende Fastnachter lassen ihre Orden übrigens im Sommer prägen. Denn so weit weg vom 11.11. locken Gießereien mit Rabatten von bis zu 40 Prozent. „Aber viele kommen doch erst in letzter Minute“, stöhnt Rainer Killmann leise übers Stoßgeschäft. Offensichtlich halten die Vereine ihr Motto so lange es irgendwie geht unter Verschluss.

Sitzungspräsidenten, Abteilungsleiter und Elferräte kommen meist mit einer Zeichnung in die Werkstatt. Egal, ob früh oder spät, egal, ob preisgünstig oder edel: Der Graveurmeister bringt das Motiv möglichst detailgetreu aufs Metall. CNC-gesteuerte Maschinen, Lasertechnik und Diamantritzgeräte garantieren Genauigkeit. Hightech und traditionelles Handwerk schließen einander nicht aus.

Rainer Killman ist seit Juli 2002 Chef des Betriebs. Damals übernahm er die alt eingesessene Firma Seitz Gravuren GmbH samt Inventar und Kunden. Sein karnevalistisches Engagement hält sich in engen Grenzen: „Ich bin ein aktiver Zuschauer.“

Der Marathonlauf ist sein Hobby Nummer eins, Plakate an den Wänden von Büro und Werkstatt zeugen von 42,195-Kilometer-Rennen in etlichen Ländern. Und gelegentlich bekommt der Teilnehmer Killmann dann eine Medaille des Graveurs Killmann umgehängt. Der Orden des Sportlers unterscheidet sich nur im Motiv von dem des Narren, das Blech darunter ist identisch.

HISTORIE

Orden sind so alt wie die organisierte Fastnacht und tauchten erstmals 1838 auf, behauptet die Mainzer Karnevalisten.

Wie die Fastnacht selbst karikierten auch sie Adlige und Militärs, die sich mit prunkvollem Gehänge schmückten.

Die Motive waren anfangs bierernst, erst nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie närrisch.

Gelegentlich sind auch Mini-Krüge und -Flaschen, Würstchen oder Brezeln am Bande Lohn für eine gelungene Büttenrede.

Quelle: op-online.de

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