Verliebt in betagtes Blech

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Ottmar Günther schreibt nicht nur über alte Autos, sondern besitzt auch eines - einen Triumpf Junior, Baujahr 1939.

Urberach ‐ Mitte der fünfziger Jahre füllte das Wirtschaftswunder die Lohntüten der Deutschen zusehens. Jede Mark mehr steigerte den Wunsch nach sichtbarem Wohlstand. Motorräder und -roller reichten nicht mehr, das Auto wurde zum Statussymbol. Der Urberacher Ottmar Günther hat ein Buch über die Mobilität dieser Ära geschrieben. An seiner zweiten Hälfte ist unsere Zeitung nicht ganz unschuldig. Von Michael Löw

Günther berichtete vor ziemlich genau einem Jahr über seine Pläne. Wir gaben sie als Aufruf an unsere Leser weiter und verhalfen dem 57-jährigen Berufsschullehrer so zu ein paar Rödermärker Oldtimer-Fans, die wir schon vorgestellt hatten. Zwei von ihnen - Karl Heinz Schrod und Hans Hedtke - erzählten Günther die Schmankerln ihres mobilen Lebens.

Es waren Kleinwagen, die seinerzeit unser Straßenbild veränderten. Fritz Fendt schuf den Messerschmidt Kabinenroller, Hans Glas das Goggomobil. Der Moped-Hersteller Zündapp baute den Janus, in dem die Passagiere Rücken an Rücken saßen. Die Münchner Nobelmarke BMW fing mit der Isetta ganz klein an. Auch Autos längst vergessener Hersteller wie Maico oder Viktoria machten die Deutschen mobil. Die Jahre überdauert haben dagegen die Produzenten größerer Autos wie Opel, Ford, Volkswagen oder Mercedes, aus NSU wurde bekanntlich Audi.

Auf vier Rädern haben die Deutschen das Reisen wieder entdeckt, Italien wurde zum Traumziel. Der Weg dorthin führte über die Alpen - mit bescheidenen Pferdestärken unter der Haube ein echtes Abenteuer.

Eine Katastrophe reihte sich an die nächste

19 PS leistete der Motor von Hans Hedtkes Gutbrod-Cabriolimousine. Gemeinsam mit seinem Bruder brach er im Sommer 1958 in den Urlaub auf, der Großglockner war eine ihrer Etappen. Zum Picknicken am Straßenrand bauten die jungen Männer kurzerhand die Vordersitze aus und hatten die komfortabelsten Campingstühle, die man sich vorstellen konnte.

Die Großglockner-Hochalpenstraße zu bezwingen war mit 19 PS allerdings eine Tor-Tour. „Der Motor wurde heiß und war immer kurz vorm Kochen. An den Ausweichstellen hielten wir an und füllten kaltes Gebirgswasser nach“, schreibt Hans Hedtke in Günthers Buch.

Den Pass hinunter reihte sich eine Katastrophe an die nächste: Erst brach der Schalthebel ab. Hans Hedtke konnte die Gänge nur noch einlegen, indem sein Bruder in den Fußraum kroch und mit einer Wasserpumpenzange „schaltete“. In Lebensgefahr gerieten die Brüder, als die Bremsen bergab immer mehr an Wirkung verloren. In jeder Kurve sahen sie den Abgrund nahen, doch die Horrorfahrt nahm in letzter Sekunde ein glückliches Ende. Hans Hedtke: „Wir wählten einen Nothalt und ich riss das Steuer herum, bis ich unser Auto umgekehrt zur Fahrtrichtung zum Stehen brachte.“

„Wenn ich groß bin, will ich so ein Auto“

Eher schmerzhaft waren auch die frühen Auto-Erinnerungen von Karl Heinz Schrod. Sein Vater, ein Ober-Röder Metzgermeister, konnte sich schon früh einen Mercedes leisten. Bei einer Fahrt nach Dieburg spielte Klein-Karl Heinz am Türgriff. Es kam, wie es kommen musste - der Fahrtwind riss die Tür auf, und der Bub landete im Straßengraben. Er kam mit einer Platzwunde davon, die Narbe ziert seine Stirn heute noch.

Trotzdem stand für ihn fest: Wenn ich groß bin, will ich so ein Auto. 2001 kaufte Karl Heinz Schrod einen Mercedes-Oldtimer VA 170.

Außer Schrod und Hedtke haben auch Günter Hunkel und Hellmuth Liederbach aus Sprendlingen oder Hermann Graf aus Dreieichenhain Benzingeschichten aus der Zeit der Nierentische und Halbstarken zu Ottmar Günthers Buch beigesteuert. Zwei Jahre Recherche und Interviews stecken drin, aber auch jede Menge Spaß und Herzblut.

Ottmar Günthers Buch heißt „Die Wirtschaftswunderjahre in Deutschland - wir werden mobil“. Es kostet 16,90 Euro und ist über die Buchhandlung Schormann in Dreieich zu haben. Eine Fortsetzung über die Autos der wilden sechziger Jahre ist in Arbeit.

Denn Ottmar Günther besitzt selbst vier- und zweirädrige Oldtimer. Sein ganzer Stolz ist ein Triumpf Junior, der Jahrzehnte vorm Wirtschaftswunder vom Band lief. Das rote Cabrio wurde 1939 gebaut. Gestartet wird‘s mit Choke, zum Schalten muss Günther Zwischengas geben. Bei Regen verschaffen winzige 15-Zentimeter-Scheibenwischer dem Fahrer wenigstens ein bisschen Durchblick.
Vor 17 Jahren hat Günther das gute Stück von der Witwe eines Sammlers gekauft. 50.000 Mark hat er insgesamt investiert, seither sieht der Oldie wieder aus wie neu.

Quelle: op-online.de

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