Wackelkandidaten auf der Spur

Walter Steinbrecher prüft Grabsteine auf ihre Standfestigkeit

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Mit einem speziellen Hebelwerkzeug bringt der Experte Walter Steinbrecher 30 Kilo Last auf die Grabsteine.

Rödermark - Walter Steinbrecher hat einen schwierigen Job. Im Auftrag von Städten und Gemeinden prüft der Bauingenieur die Standsicherheit von Grabsteinen. Dass der Gutachter mit einem speziellen Werkzeug Druck auf Grabmale ausübt, sehen Angehörige zuweilen gar nicht gern. Von Bernhard Pelka

Manche reagieren geradezu empört. „Gucken Sie. Geht ganz leicht“, sagt Walter Steinbrecher. Dann bringt er mit nur einer Hand eine Grabsäule in Schieflage. Das Grabmal ist zwar mit einem Dübel in der Bodenplatte verankert. Der Dübel hat sich mit der Zeit aber aus seinem dürftigen Betonbett gelockert, sodass der Stein schon bei relativ leichter Berührung umzukippen droht. „Und das bisschen Kleber hält das Ganze auch nicht mehr.“ Weiter zum nächsten Patienten – einem mächtigen 300-Kilo-Stein auf einem Familiengrab. Dort ist die Verbindung zwischen Stein und Sockel zwar noch intakt. Dafür hat sich das gesamte Fundament gelöst. Schon bei 19 Kilogramm Druck von vorn neigt sich die Gedenkstätte bedrohlich nach hinten.

Auch hier ist also Gefahr im Verzug – und der Stein bekommt einen gelben Aufkleber: „Vorsicht, Unfallgefahr! Dieses Grabmal ist nicht mehr standsicher. Der Nutzungsberechtigte (...) wird hiermit (...) aufgefordert, das Grabmal unverzüglich fachgerecht befestigen zu lassen“, steht darauf. Walter Steinbrecher muss bei seinen jährlichen Prüfungen solche Aufkleber auf den Rödermärker Friedhöfen immer seltener benutzen. Auf 2200 geprüfte Steine kamen unlängst nur zehn Reklamationen. 2007, bei der ersten solchen Prüfung in Rödermark überhaupt, war die Lage freilich anders. Damals gab es viel mehr Beanstandungen – und vor allem Proteste. Gerne wurde behauptet, der Schaden sei erst durchs Rütteln entstanden. Dabei rüttelt der vereidigte Sachverständige gar nicht.

Das darf nicht sein: Steinbrecher kann die Grabsäule mit nur einer Hand in bedrohliche Schieflage bringen.

Vielmehr bringt er mit einem speziellen Gerät eine gleichmäßige Last von 30 Kilo Druck auf. Was dabei passiert, dokumentiert bei Bedarf ein Lastendiagramm schriftlich. Außerdem werden beanstandete Gräber fotografiert. In brisanten Fällen muss der Kandidat sofort umgelegt oder zumindest gesichert werden – durch einen Pflock und ein festes Plastikband. Angehörige bekommen bei Reklamationen einen Brief von der Friedhofsverwaltung mit der Aufforderung, den gefährlichen Mangel bis zur nächsten Frostperiode zu beheben. Sofern das nicht geschieht, wird der Grabstein umgelegt.

Überhaupt ist der Frost der größte Feind von Grabmalen. Er drückt sich in kleinste Spalten und sprengt die Verbindungen aus Kleber, Beton und Dübeln. Zu Schäden kommt es auch gerne, sobald sich Gräber setzen. Dann wirken Kräfte, für die Grabmale nicht gebaut sind. Steinbrecher rät deshalb dazu, neue Gräber 18 Monate ruhen und lediglich das bescheidene Holzkreuz stehen zu lassen. Erst dann sollte der Steinmetz an die Arbeit gehen. Viele Angehörige meiden diese Wartezeit allerdings. Sie empfinden langes Zuwarten als pietätlos und unangemessen – ganz nach dem Motto: „Wie sähe das denn aus?“

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Städte und Gemeinden sind durch Auflage der Aufsichtsbehörde und der Versicherung verpflichtet, jährlich die Standsicherheit der Grabmale auf den Friedhöfen überprüfen zu lassen. Sollte das eine erhebliche Gefährdung durch ein nicht standsicheres Grabmal ergeben, wird das Friedhofspersonal zur Vermeidung von Unfällen diesen Grabstein sofort umlegen. Die betroffenen Nutzungsberechtigten haften für Schäden und deren Folgen, die durch das Umfallen von Grabsteinen an Personen oder Sachen entstehen. Zu Unfällen könnte es zum Beispiel bei Pflanzarbeiten kommen.

Nachdem Geranie, Tagetes & Co. im Knien eingegraben wurden, stützen sich die Hinterbliebenen beim Aufstehen ab, suchen Halt am Grabstein – und schon passiert’s. Oder das Friedhofspersonal stößt bei der Arbeit daran. Oder es trifft Kinder beim Versteckspielen. Für Fragen stehen die Mitarbeiterinnen der Friedhofsverwaltung gerne zur Verfügung: Regina Leiherer, 06074/911-360; Sabine Gotta, 06074/911-364.

Quelle: op-online.de

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