Heimat- und Geschichtsverein Rödermark dokumentiert Wirtschaftsleben alter Zeiten

Rödermark: Geschichte der Hasenfell-Schnipplerinnen

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Hasenfell-Schnipplerei zur Industrie. Das März-Motiv im Kalender des Heimat- und Geschichtsvereins zeigt den Schneideraum der Firma Bloch & Hirsch in Urberach. Auf dem Gelände steht heute das Märktezentrum.
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Rödermark: Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Hasenfell-Schnipplerei zur Industrie. Das März-Motiv im Kalender des Heimat- und Geschichtsvereins zeigt den Schneideraum der Firma Bloch & Hirsch in Urberach. Auf dem Gelände steht heute das Märktezentrum.

Aus Hasenfellen wurden im heutigen Rödermark seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Hüte. Vor allem Frauen schnitten die Haare von Meister Lampes Haut. Der Heimat- und Geschichtsverein hat ihre Arbeitgeber porträtiert.

Rödermark – In den Jahrzehnten vor 1900 wuchsen in Ober-Roden und Urberach sogenannte „Hasenhaarschneidereien“ aus dem Boden. Das waren Klein- und Kleinstbetriebe, in denen meist Frauen ein bisschen Geld verdienten. Sie haben die Haare von Fellen entfernt – geschnippelt sagt man in der Gegend. Die Haare gingen in die Filzverarbeitung zur Herstellung von Hüten und Mänteln. Das verbliebene Leder wurde von der aufkommenden Lederindustrie in der Region benutzt.

Viele kennen noch den Namen der Offenbacher Firma „Bloch & Hirsch“, die 1909 mit der Inbetriebnahme eines Werkes auf dem Gelände des heutigen Märktezentrums ihre Zentrale nach Urberach verlegte. Die Namen sind vielfältig: offiziell „Hasenhaarschneiderei“, verkürzt „Hutstoff-Fabrik“ oder umgangssprachlich die „Hoarisch“. Das Gelände an der 1905 eingeweihten Dreieich-Bahn war attraktiv, erleichterte doch ein Nebengleis den Transport der Rohware.

Was manch einem jedoch nicht bekannt sein dürfte: Bereits 1892 eröffnete „Bloch & Hirsch“ den ersten Betrieb in der Darmstädter Straße. Und auch in Ober-Roden war die Firma in der Frankfurter Straße 27-31 von 1897 bis 1927 mit einem kleineren Betrieb dauerhaft aktiv. Obgleich formal eher am Rande in die Geschäfte eingebunden, fühlte sich vor allem Robert Bloch mit seiner Frau Elise Urberach eng verbunden. Das jüdische Unternehmerpaar baute in den 1920er Jahren seine Villa am Ortsausgang Richtung Messel. Die Robert-Bloch-Straße erinnert an ihn.

Die Firma „C.F. Donner“ aus Frankfurt/Niederrad hatte eine Zweigstelle in Ober-Roden. Sie begann 1863 mit der Schnippelei. Zunächst ebenfalls in der Frankfurter Straße, ab 1920 dann in einem Neubau in der Dieburger Straße 46 (neben der ehemaligen Tankstelle Gotta), der vielen noch in Erinnerung ist.

Dieser Teil von Ober-Roden, das sogenannte „Ausdorf“, entwickelte sich schnell nach der Inbetriebnahme der „Rodgau-Bahn“ 1896. 50 bis 80 Frauen, je nach Geschäftslage, schnitten die Haare von den Fellen, die dann ihren Weg zur Weiterverarbeitung in das Stammwerk nach Frankfurt fanden.

Dennoch begann spätestens Anfang der 1920er Jahre der Niedergang beider Betriebe, was 1925 zunächst zu einem Zusammenschluss zu „Vereinigte Hutstoffwerke Bloch, Hirsch und C.F. Donner“ führte. Doch die Weltwirtschaftskrise bedeutete das Aus. 1930 schloss die Firma alle Tore in Urberach und Ober-Roden. Kurz danach verließ die jüdischen Familie Bloch Deutschland, um sich vor den Nationalsozialisten zu retten. Robert Bloch und seine Frau kehrten nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Urberach zurück.

Und es gab noch zahlreiche kleine Schnippel-Werkstätten: 1893 nahm die Firma von Balthasar Jäger in der Urberacher Kreuzgasse 14, später „Jäger & Neidhardt Kommanditgesellschaft“, den Betrieb auf. Bereits 1888 hatte Jäger in der Darmstädter Straße eine Firma gegründet, die aber nur kurze Zeit später von „Bloch & Hirsch“ übernommen wurde. Erst Anfang der 1950er Jahre wurde der Betrieb endgültig eingestellt. Das Grundstück ging in das Eigentum der T&N über.

1932 nahm mit der Firma „Böffinger & Eichler“ auch in Ober-Roden erneut eine Hutstoff-Fabrik ihre Arbeit auf – zunächst in der Frankfurter Straße 58. 1936 erhielt sie die Genehmigung, ihren Betrieb im damals bereits stillgelegten Gaswerk auszubauen und fortzusetzen. Manch einer erinnert sich noch an die Felle und ihre Reste in der Mainzer Straße.

Rödermark: 50 bis 80 Frauen schnippelten für „C.F. Donner“ in Ober-Roden die Haare von den Hasenfellen.

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