Ein hartes Hundeleben

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Siegfried Overländer mit Rüde „Benji“

Ober-Roden ‐ Ist „Benji“ nun ein armer Hund? Oder ist er‘s nicht? Der nicht ganz reinrassige Bordercollie-Rüde lebt in einem Einzelzimmer der Tierpension Overländer, geht dreimal am Tag mit Angelika und Siegfried Overländer oder Azubi Dominic Fischer Gassi und ist medizinisch bestens versorgt. Von Michael Löw

Doch „Benjis“ knapp dreijähriges Hundeleben ist auch voller Schattenseiten: Geboren am 3. Februar 2007 als ungewollter Spross einer Spanien-Liaison seiner Mutter, wie seine fünf Geschwister von Frauchen verstoßen und notgedrungen von den Overländers aufgezogen, zunächst erfolgreich vermittelt und im Oktober vorigen Jahres doch wieder verstoßen.

Seither sucht Siegfried Overländer einen neuen Besitzer für den geimpften und kastrierten Rüden, den er als „lieben und verträglichen Hund“ beschreibt. Weil „Benji“ aber auch störrisch sein kann, will Overländer ihn nur an Kenner abgeben.

Siegfried Overländer nahm „Benjis“ Mutter im Dezember 2006 in Pension. Eine Tierarzthelferin, die bei ihm arbeitete, erkannte sofort: „Die Hündin ist trächtig!“ Die Reaktionen des Frauchens bringen Overländer auch heute noch in Rage: „Erst wusste sie von nix. Dann warf sie uns vor, wir seien Schuld an der Schwangerschaft, und dann bot sie sich sogar an, eine Abtreibung zu bezahlen.“

Overländer kümmert sich ums Futter für Jungtiere

Das kam für Overländer natürlich nie in Frage, deshalb rang er der wenig einsichtigen Hundebesitzerin einen Kompromiss ab: Sie zahlt über mehrere Wochen hinweg die Pensionskosten für die Hündin, damit die ihre Welpen aufziehen kann. Overländer kümmert sich ums Futter für die Jungtiere und bemüht sich um ein neues Zuhause für sie. Die ersten Welpen hatte er nach acht Wochen vermittelt, „Benji“ verließ im Alter von drei Monaten die Tierpension im Industriegebiet von Ober-Roden. Ein Paar hatte sich seiner angenommen.

Im Herbst 2009 stand die Frau mit „Benji“ wieder vor der Tür: Die Beziehung sei zerbrochen, sie könne den Hund nicht mehr behalten und müsse ihn an die Overländers zurück geben. Die kaputte Ehe hält Siegfried Overländer für ein vorgeschobenes Argument. Aus dem Gespräch mit der Frau hörte er heraus, dass „Benji“ nicht mehr zur Einrichtung passt.

Doch egal, warum: Laut deutschem Tierschutzgesetz muss derjenige, der einen Hund vermittelt, ihn tatsächlich auch wieder in seine Obhut nehmen, wenn‚s im neuen Zuhause nicht läuft. Dieses Gesetz soll eigentlich Tierheimen eine Handhabe zum Eingreifen liefern, wenn sie erfahren, dass ein ehemaliger Schützling misshandelt wird. Umgekehrt wurde für Siegfried Overländer ein Schuh draus.

Suche nach einem geeigneten Herrchen

Trotzdem will er bei der Suche nach einem Herrchen oder Frauchen nichts überstürzen. Denn zu viele Neu-Hundebesitzer gehen die Sache ziemlich blauäugig an. Über Umwege hat Siegfried Overländer gehört, dass ein weiterer Welpe aus „Benjis“ Wurf inzwischen bei Besitzer Nummer drei ist. Nummer zwei war eine Studentin aus Dieburg, die zwar theoretisch schwer auf Zack war, aber von Hundepraxis offenbar keine Ahnung hatte und mit dem lebhaften Bordercollie überfordert war.

Aus Gründen wie diesen lässt Siegfried Overländer normalerweise die Finger von Vermittlungen. Gelegentlich zwingen ihn aber die Umstände dazu: Gut zwei Jahre ist‘s her, dass ein Mann breit wie ein Schrank in der Tierpension klingelte und zwei Wochen Aufenthalt für seinen Boxer-Kampfhund-Mischling vorab bezahlte. Er sei Ringer und kämpfe bei einem Turnier in Paris. Ein paar Tage später erhielt Overländer einen Anruf per Handy. Der Kraftsportler berichtete, er habe die Qualifikation für die nächste Runde geschafft, und die werden in Lettland ausgetragen. Von da an herrschte Funkstille, die Overländer stutzig machte.

Früherer Besitzer saß im Knast

Nach ein paar Erkundigungen war klar: Der angebliche Ringer kämpfte nicht um Pokale, sondern gegen die Justiz. Er saß schlicht und einfach im Knast und konnte sich nicht mehr um den Hund kümmern.

Siegfried Overländer wurde notgedrungen wieder zum Vermittler und fand übers Internet schnell ein neues Frauchen. Eine Psychotherapeutin aus Innsbruck verliebte sich regelrecht in den Kampfhundmischling, der bei seiner neuen Besitzerin Karriere machte. Er begleitet sie jetzt zu Therapiesitzungen.

Quelle: op-online.de

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