Headset-Spezialist Ceotronics aus Urberach

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Rödermark-Urberach - Wunder geschehen nicht nur im Fußball und bei der Katholischen Kirche. Mit sprechenden Schädeldecken, Ohren, die Laute von sich geben und redenden Kehlköpfen überrascht auch der Headset-Spezialist Ceotronics aus dem beschaulichen Rödermark-Urberach. Von Axel Wölk

Was zunächst wie Okkultismus anmutet, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Ergebnis oft jahrelangen Tüftelns. „Wir forschen nicht, wir entwickeln“, schränkt der Vorstandsvorsitzende Thomas H. Günther mit leichter Bescheidenheit allerdings gleich wieder ein.

Das 1985 gegründete Unternehmen verdient Geld mit seinen Anwendungen vor allem da, wo es laut ist. Von Lärm umgeben braucht der typische Ceotronics-Kunde einen Gehörschutz sowie freie Hände. Ist all das gegeben, tritt der Urberacher Nischenanbieter auf den Plan. Als Paradebeispiel zählt Günther einen Bergretter aus den Alpen auf. Der benötigt, wenn er vom Helikopter abgeseilt wird, freie Hände und selbstredend einen Schutzhelm. Ist er beim Unfallopfer angelangt, muss er trotz ohrenbetäubenden Lärms immer noch mit dem Piloten kommunizieren können. So manches Menschenleben mag auch gerade der störungsfreien Kommunikation unter diesen Extrembedingungen zu verdanken sein.

Größter Kunde ist die Bundeswehr

Größter Kunde des 1998 an die Börse gegangenen Unternehmens ist aber die Bundeswehr. Sicherheitsdienste wie Militär und Polizei stehen für 50 bis 60 Prozent des Umsatzes. Als Kunden beliefert Ceotronics aber auch Feuerwehr, Rettungsdienste, Bergbau, Flughäfen, Werften und Verladehäfen. Von Anfang an blickten die Urberacher dabei weit über den heimatlichen Kreis Offenbach und die deutschen Landesgrenzen hinaus. Aktuell wird mehr als ein Drittel des Umsatzes im Ausland erlöst, die Tendenz geht wieder in Richtung 50 Prozent. Aber gerade für Deutschland hebt Günther derzeit den Daumen: „Im Gegensatz zum europäischen Ausland boomt es in Deutschland.“ Die lange aufgeschobene Digitalfunkumstellung der Polizei und Feuerwehr hat nunmehr begonnen.

Auf anderen europäischen Märkten sieht es jedoch mauer aus. In Staaten wie Frankreich und Spanien setzt die Regierung energisch den Rotstift an. Im krisengeschüttelten Griechenland ist das Unternehmen nicht präsent. Beim zweiten Standbein USA rollt dagegen derzeit der Dollar.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise

Die Wirtschafts- und Finanzkrise machte auch vor dem Urberacher Ortsschild nicht halt. Ceotronics rutschte damals in die roten Zahlen. Die Digitalfunkumstellung ließ auf sich warten, wichtige Investitionen der Behörden und Industrie lagen auf Eis. Nach Unternehmensangaben dauerte es nur eineinhalb Jahre, bis der Einbruch abgeschüttelt war. Immerhin: „Nicht einer unserer etwa 160 Mitarbeiter musste entlassen werden.“ Allerdings herrschte zum Beispiel am Stammsitz in Urberach für die fast 110 Beschäftigten teilweise Kurzarbeit. Die restlichen Jobs sind bei der ostdeutschen Tochter CT-Video in Lutherstadt Eisleben in Sachsen-Anhalt angesiedelt.

Die derzeitige Lage fasst Günther unternehmerisch-optimistisch zusammen: „Wir stehen blendend da.“ Den Umsatz von rund 16 Millionen Euro aus der Berichtszeit 2010/11 will der Nischenanbieter im aktuellen Geschäftsjahr, das Ende Mai endet, um mehr als 3 Millionen Euro deutlich übertreffen. Die Zeichen dafür stehen nicht schlecht. Allein in den ersten sechs Monaten erwirtschaftete Ceotronics rund 9 Millionen Euro Umsatz. Auch kehrte das Unternehmen in die schwarzen Zahlen zurück.

Aktionäre und die Konten

Das sollen bald auch die Aktionäre auf ihren Konten zu spüren bekommen. Mit der Ausschüttung von Dividenden wird in der Vorstandsetage jedenfalls wieder geliebäugelt. Überhaupt könnte es für die Ceotronics-Anteilseigner bald bergauf gehen: „Die Aktie ist drastisch unterbewertet.“ Günther plädiert aber gegen einen reinen „Shareholder Value“-Ansatz, bei dem allein der Aktionär ins Augenmerk des Vorstands rückt. „Wir tragen eine Gesamtverantwortung, unter anderem für 160 Familien.“ Damit das Geschäft weiter brummt, soll der Innovationsmotor nicht ins Stottern geraten. Derzeit steht vor allem die Digitalisierung der Produkte im Vordergrund.

Mit der neuen Technologie lassen sich etwa Störgeräusche besonders effektiv herausfiltern und die Sprache tritt glasklar hervor. Aber auch das weiterentwickelte digitale Vollduplex-Kommunikationssystem spült nach Angaben von Günther kräftig Umsatz in die Kassen. Potenzielle Nutzer sind Bodencrews am Flughafen, Bombenentschärfer, aber auch industrielle Kunden. Bleibt noch das Schädeldeckenmikrofon. Hier schreitet die Entwicklung weiter voran.

Ingenieure meldeten ein Patent an

Bereits vor mehr als 15 Jahren entstand in Urberach die Idee dafür und die Ingenieure meldeten ein Patent an. Sprache lässt sich mit Ceotronics-Geräten neben der klassischen Aussprache über den Mund auch an anderen Körperteilen abnehmen: am Ohr und Kehlkopf. In sehr lauten Umgebungen, in denen das gesprochene Wort schwer übertragbar ist, kann sich diese Kommunikation beispielsweise bei der Bundeswehr als goldwert erweisen.

Ceotronics plant weiter für die Zukunft. Gerade am Stammsitz in Urberach soll kräftig investiert werden. Das Unternehmen entwickelt und produziert ausschließlich in Deutschland. Nach Errichtung eines aufwändigen Schalllabors will Günther ein Schulungs- und Entwicklungszentrum in Blickweite seines Büros hochziehen. Bis zu 20 neue Arbeitsplätze könnten entstehen, taxiert Günther vorsichtig.

Die Stadt Rödermark dürfte es freuen. Gleichzeitig hält sie die Karten in der Hand. Ob unter den Firmen, die sich für das Grundstück interessieren, Ceotronics zum Zuge kommt, ist offen. Günther hofft auf die Durchschlagskraft des wirtschaftlichen Arguments mit vielen neuen High-Tech-Arbeitsplätzen.

Quelle: op-online.de

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