Heinz Diederichs aus Ober-Roden

Härtetest für philippinische Kisten

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Heinz Diederichs musste seinen philippinischen Kollegen manche unbequeme Wahrheit sagen. Doch am Ende fragten Chef und Belegschaft der Designermöbel-Fabrik: „Kommen Sie auch wieder?“

Ober-Roden - Heinz Diederichs aus Ober-Roden ist Senior Experte in Sachen Verpackung und half auf der Insel Cebu. Von dort werden edle Möbel in brüchiger Hülle rund um die Welt geschickt. Von Michael Löw

Im Ruhestand die Füße hochlegen und sich vor den Fernseher klemmen? Über diese Frage hat Heinz Diederichs nicht eine Sekunde nachgedacht, als er mit 68 Jahren aus der Geschäftsleitung eines Verpackungsunternehmens ausschied. Er gründete umgehend ein Beratungsbüro auf seinem Spezialgebiet und meldete sich außerdem beim Senior Experten Service (SES) in Bonn an. Das war 2007. Der heute 74-Jährige war während seines langen Berufslebens oft im Ausland gewesen. Dienstreisen führten ihn nach England, Litauen und Indien. In New Delhi hatte er eine seiner kniffligsten Aufgaben zu lösen: das riesige Modell einer Fabrikanlage so zu verpacken, dass auch unzählige Meter winziger Pipelines unversehrt beim Empfänger in Indonesien ankamen. Dort wurde das Original gebaut.

Weltweit gefragte Fachleute:Der Senior Experten Service (SES) ist die Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit. Er bietet Führungskräften im Ruhestand die Möglichkeit, ihr Wissen im Ausland und in Deutschland weiterzugeben. Als ehrenamtlich tätige Experten fördern sie Aus- und Weiterbildung von Fach- und Führungskräften. J Die Senior Experten bekommen Flug und Quartier bezahlt und erhalten ein kleines Taschengeld. Auf den Philippinen waren’s für Heinz Diederichs acht Dollar pro Tag. J Ende 2012 waren in Deutschland 10 526 Senior Experten registriert. 43 Prozent kommen aus dem technischen Bereich, 29 Prozent aus dem kaufmännischen. Ausbilder (14 Prozent) und Personalfachleute (6 Prozent) sind die nächst größeren Gruppen. J Sie sind im Schnitt 68 Jahre alt, der Frauenanteil liegt nur bei 15 Prozent. J Seit 1983 haben Senior Experten knapp 32 000 Einsätze absolviert. Asien bildet den Schwerpunkt (9 605), gefolgt von Europa ohne Deutschland (8 544) und Deutschland (7 429). 

Die erste SES-Anfrage lehnte Heinz Diederichs ab, die Arbeit im VW-Werk in Shanghai wäre nicht sein Ding gewesen. Angebot Nummer zwei führte ihn dann doch nach China. Im Auftrag einer belgischen Firma überwachte er die Verpackung von Großprojekten. „Zunächst hat es mir sehr gefallen“, erzählt er. Aber die Chinesen entwickelten ein Misstrauen, das dem Teamarbeit gewohnten Deutschen arg zusetzte: „Jeder hat Angst, dass der Andere zu viel weiß.“ Da kam die Anfrage, ob er ein Projekt auf den Philippinen übernehmen könne, sehr gelegen. Diederichs suchte einen SES-Kollegen, dem er die chinesische Paranoia zumuten konnte. Er flog nach Cebu-City auf die gleichnamige Insel und wurde Berater einer Möbelfabrik, deren Inhaber einer der bekanntesten Designer des Landes ist und weltweit verkauft. Kunden aus Europa oder den USA schickten die teuren Sessel und Betten oft zurück, weil sie beschädigt waren. Heinz Diederichs hatte die Schwachstelle schnell ausgemacht - natürlich die Verpackungen. Er unterzog die Kartons und ihr Innenleben diversen Härtetests und stellte fest, dass sie weder Druck von oben noch punktuellen Belastungen gewachsen waren. Diese Probleme waren mit seinem Knowhow recht schnell gelöst, andere blieben. „Rationalisierungsvorschläge kamen nicht immer so an, wie man sich das vorstellt“, umschreibt er die philippinische Arbeitsweise höflich: Wenn acht Mann ein 50-Kilo-Paket verluden, sträubten sich ihm die Haare. Effizienz sieht in deutschen Augen anders aus.

Heinz Diederichs hatte wie seine einheimischen Kollegen eine Sechs-Tage-Woche und unternahm sonntags oder an Feiertagen Ausflüge auf der Insel Cebu. An Allerseelen blieb er in einem kleinen Städtchen im Stau stecken. Die Philippinos zogen mit Kind und Kegel auf den Friedhof und feierten zu Ehren ihrer verstorbenen Angehörigen ein ziemlich feucht-fröhliches Fest. Zum Abschied hinterließ Heinz Diederichs „seiner“ Möbelmanufaktur eine Liste mit 50 Verbesserungsvorschlägen. Er würde gerne wiederkommen und sehen, welche davon in die Tat umgesetzt wurden. Aber die Entscheidung über eine neue Asienreise liegt nicht bei ihm. Doch auch ohne neuen SES-Auftrag ist Müßiggang für ihn weiterhin ein Fremdwort. Heinz Diederichs und seine Frau gehören zu den Breidert-Bewohnern der ersten Jahre und engagieren sich in der rührigen Initiative „Wir sind Breidert“.

Quelle: op-online.de

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