Durchgebissen im Zauberland Almanya

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Rödermarks SPD-Vorsitzender Hidir Karademir hat in seinem Buch „Im Zauberland Almanya“ die Geschichte einer geglückten Integration beschrieben.

Ober-Roden - 2011 jährte sich das Deutsch-türkische Anwerbeabkommen zum 50. Mal. Hidir Karademir, Sozialarbeiter von Beruf und Sozialdemokrat aus Überzeugung, wollte sich damals einen Traum erfüllen und ein Buch über Migration und Integration veröffentlichen. Von Michael Löw

„Lass es bleiben, du gehst unter“, riet ihm ein Freund. Zu groß war die Zahl derer, die über Gastarbeiter aus Anatolien, Sprachprobleme und Karrieren, Fremdenfeindlichkeit auf der einen und Parallelgesellschaften auf der anderen Seite schrieben. Karademir folgte dem Rat und bringt sein Buch „Im Zauberland Almanya“ erst in diesen Tagen heraus. Die Schriftstellerin Monika Carbe ist Mitautorin. Das Warten hat sich gelohnt. Hessens Beinahe-Ministerprädidentin Andrea Ypsilanti schrieb das Vorwort und kommt zur Präsentation. Auch Gernot Grumbach, der streitbare Vorsitzende der südhessischen SPD, und Turgut Öker, der Vorsitzende der Alevitischen Union Europa , haben sich für diesen Abend angesagt.

„Die Idee hatte ich schon vor 20 Jahren und fing gleich an“, erzählt Karademir. Knapp 40 handgeschriebene Seiten waren das Ergebnis - und verschwanden in der Schublade. Er studierte neben seinem Job Sozialarbeit und hatte Wichtigeres für die deutsch-türkische Verständigung in Rödermark vor. Die Wahl des ersten Rödermärker Ausländerbeirats trieb er gegen manche Widerstände voran, bis 1995 war er auch dessen Vorsitzender. Dann nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an. Gern Deutscher sein und die türkischen Wurzeln nie vergessen: So in etwa könnte man Hidir Karademirs Lebensmaxime umschreiben.

Er wurde am 1. April 1954 im Bergdorf Ugurlu/Zentralanatolien geboren. Seine Eltern waren Analphabeten, die von einem Lehrer überredet werden mussten, dass sie ihren Sohn auf eine Mittelschule und nicht auf die Felder schickten. 1969 wurde er als Lehrling für den Bergbau im Ruhrgebiet angeworben und reiste allein ins „Zauberland Almanya“. Ein Sportunfall erwies sich letztlich als Glücksfall und ersparte Karademir eine typische türkische Kumpelkarriere.

Beispiel als Ansporn

Aus dem „Pott“ zog er nach Ober-Roden und schlug sich als Hilfsarbeiter bei T&N oder Lederwaren Gotta durch. Mit der schnell verdienten Mark gab sich Hidir Karademir aber nicht zufrieden. Intensiv büffelte er Deutsch und holte den Realschulabschluss nach. Schon bald beherrschte er die Sprache so gut, dass er Deutschkurse für seine Landsleute gab und sie bei Behördengängen begleitete. Das tut er mittlerweile von Berufs wegen: als Migrationsberater bei der Arbeiterwohlfahrt im Kreishaus.

Hidir Karademir verfolgt mit seinem Buch drei Ziele. Türkischen Migranten will er zeigen, woher er gekommen und was aus ihm geworden ist. Gleichzeitig soll sein Beispiel Ansporn sein: „Auch ohne Schulabschluss kann man in Deutschland zu etwas kommen und ein aktives Mitglied der Gesellschaft werden. Aber man muss etwas tun und Probleme anpacken!“ Und die Deutschen sollen nach der Lektüre erkennen, dass Integration besser funktioniert als das öffentlich wahrgenommen wird.

„Im Zauberland Almanya“ erscheint im Frankfurter Verlag „Größenwahn“- geradezu eine Einladung für Spötter. „Ich bleibe auf dem Boden“, versichert Karademir. Im Buch schildert er auch seine schwerste politische Niederlage: 2009 wäre er gern für die SPD ins Europa-Parlament eingezogen, mit Listenplatz 31 standen seine Chancen sogar recht gut. Doch die Genossen mussten eine herbe Schlappe einstecken. Statt in Straßburg über milliardenschwere Rettungspakete zu entscheiden, diskutiert Karademir wie schon seit 1997 in der Stadtverordnetenversammlung weiter über Leitbilder, Bebauungspläne, Kita-Gebühren oder die Sprachförderung für Urberacher Migrantenkinder.

Quelle: op-online.de

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