Informationsabend

Kindesmissbrauch: Bloß nicht wegsehen

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Auf reges Interesse stieß der Informationsabend rund um das Thema Kindesmissbrauch, zu dem der Ausländerbeirat Rödermark gemeinsam mit der Quartiersarbeit Fachleute aus dem zuständigen Polizeipräsidium eingeladen hatten.

Urberach - Bei weitem nicht immer lässt sich die Misshandlung eines Kindes anhand äußerer Verletzungen erkennen. Schon gar nicht daran, dass es darüber redet. Hier müssen die Menschen in seiner Nähe feinfühliger sein und beherzter selbst handeln.

Dies war eine der Erfahrungen, die fachkundige Mitarbeiter des Kommissariats 12 beim Polizeipräsidium Südosthessen im SchillerHaus einer etwa 30 Zuhörern mit zumeist ausländischen Wurzeln vermittelten. Zum dritten Mal hatte der Ausländerbeirat Rödermark gemeinsam mit dem SchillerHaus als Quartiersvertreter zu einer derartigen Informationsveranstaltung eingeladen. Die ersten hatten den Themen Internetnutzung sowie Drogenproblematik gegolten. Am dritten Abend ging es um Kindesmissbrauch und wie man vorbeugen kann.

Zu Gast waren Christina Zimmermann, seit 1. Januar eine von acht neuen Opferschutzbeauftragten der Polizeipräsidien. Sie gibt Arbeitshilfen für die wichtigsten Fragen wie etwa: Wo bekomme ich Hilfe, an wen wende ich mich? Als Übersetzer fungierte der Migrationsbeauftragte des Polizeipräsidiums Südosthessen, Hüsamettin Eryilmaz. Aus ihren Erfahrungen berichtete Helga Dietz-Gleich (56), Leiterin des K12 Offenbach, einem Fachkommissariat, das sich unter anderem mit sexuellem Missbrauch an Kindern beschäftigt.

Straftatbestand des Unterlassens

Mit eigenen Kindern und Enkeln kann sie sich hineinversetzen in die Sorgen der Menschen. Sie wollte den Menschen vor allem ihre Ängste nehmen: „Wir als Polizei sind dafür da, dass wir gemeinsam Wege finden.“ 13 Verantwortliche sind im K12 zuständig für häusliche Gewalt, Gewalt in der Familie, Misshandlung Schutzbefohlener, Menschenhandel, Zwangsprostitution, Zwangsehen, Stalking. Alles, was Kinder nicht bekommen, obwohl es ihnen zusteht - ausreichende Anerkennung und Zuspruch - zählt dabei zum Straftatbestand des Unterlassens.

Nicht die Extremfälle von Misshandlungen Schutzbefohlener waren an diesem Abend das Thema, sondern die Indizien gerade bei den unauffälligeren Fällen, die zumeist in ganz enger vertrauter Nähe des Opfers passieren, im Familien- und Freundeskreis. Der Appell des Abends: „Wenn jemand den Eindruck hat, einem Kind in der Nachbarschaft etwa geht es nicht gut, dann sollten Sie hinschauen und nicht wegschauen! Wenden Sie sich an die Polizei, das wird auf Wunsch anonym behandelt.“

Die Polizei kümmert sich um die Täter, leitet Opfer oder Informanten jedoch an passende Hilfsinstitutionen weiter. Besonders betonte die Referentin, dass kein Kind in der Lage ist, Übergriffe zu formulieren. Schon gar nicht, wenn es in der Familie, im geschützten Raum, passiert. Alles, was ein Kind gefühlt nicht möchte, ist ein Übergriff. Hier sind dringend helfende Beobachter aus dem nächsten Umfeld nötig. Opfer und Informanten genießen bei der Polizei absoluten Schutz. „Schon damit das Opfer nicht zum zweiten Mal dabei zum Opfer wird.“

Chronologie der Missbrauchsfälle in Deutschland

Chronologie der Missbrauchsfälle

Ausgesprochen aufmerksam hatte das überwiegend weibliche Publikum auf die Ausführungen reagiert und fragte im Anschluss lebhaft nach: Ob verschärfte Gesetze hilfreich wären, wie Beobachtungen zu werten sind oder wann die Verjährungsfristen einsetzen. Helga Dietz-Gleich machte Mut, sich auch als ehemaliges Opfer noch zu melden und nicht mangelnde Glaubwürdigkeit zu befürchten. Sie betonte aber auch, dass die Zahl der gemeldeten Fälle von Kindesmissbrauch gerade hier im Raum sehr gering sind - ungeachtet der hohen Dunkelziffer in diesem subtilen Terrain.

Sehr positiv bewertete der Migrationsbeauftragte Hüsamettin Eryilmaz den Abend, an dem die Zuhörer auch Schwarz auf Weiß Material zu Opferschutzeinrichtungen, Adresslisten etwa des „Weißen Ring“ oder „Wildwasser“ und Listen von Rechtsanwälten mit Migrationshintergrund mitnehmen konnten. Das Ziel der Polizei war es zu zeigen, dass sie immer als sensibler Ansprechpartner bereit steht.

(chz)

Quelle: op-online.de

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