Initiative „Wir sind Breidert“:

Versorgungslücke kleiner als gedacht?

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Gelebte Nachbarschaftshilfe: Wilma Becker kommt am Märktezentrum mit dem Einkaufswagen zum Seniorenbus, Fahrer Heinz Diederichs hilft beim Ausladen.

Ober-Roden - Im gut 2800 Einwohner großen Breidert sind die Einkaufsmöglichkeiten dünn gesät, seit der „Nahkauf“ im Ärztehaus dicht gemacht hat. Die Initiative „Wir sind Breidert“ bietet seit einigen Wochen einen Fahrdienst zum Märktezentrum an. Von Christine Ziesecke

Doch mehr als vier oder fünf Passagiere sitzen nie im städtischen Seniorenbus. Ist die viel beklagte Versorgungslücke am Ende gar keine? Am Freitag läuft die Probezeit aus, die sich die Nachbarschaftshelfer von „Wir sind Breidert“ für den wöchentlichen Service gesetzt hatten. Die Statistik, die jeder ehrenamtliche Fahrer nach den freitäglichen Touren fortschreibt, lässt alle Interpretationen offen. Die Mitfahrer verteilen sich nicht – wie eigentlich erwartet – über das gesamte Breidert-Gebiet, sondern leben mit wenigen Ausnahmen im Haus Wittenberger Straße 1, den Sozialwohnungen der Stadt.

Heinz Weber, der die Pläne ausgearbeitet hat und sich auch regelmäßig am Fahrdienst beteiligt, ist sich unsicher: Reicht das, um den Fahrdienst fortzuführen? Oder würde es auch ausreichen, dafür zu werben, sich etwa in diesem Haus untereinander zu arrangieren? Denn schließlich sind hier noch zahlreiche Bewohner regelmäßig mit dem eigenen Auto unterwegs.

Für die Damen, die an diesem Freitag im Bus sitzen, ist die Sache klar. Wilma Becker hofft auf eine positive Entscheidung: „Ich habe kein Auto – mir würde das unendlich leid tun, wenn es diesen Fahrdienst nicht mehr gäbe. Mein Auto musste ich abschaffen, weil ich es mit meiner Rente nicht finanzieren kann, wie mir mein Sohn vorgerechnet hat. Und der Bus zum Märktezentrum etwa kostet auch 3,40 Euro. Das können wir uns nicht oft leisten.“

Misstrauen gegenüber Zukunft des Stadtbusses

Genauso geht es Christa Daum und Josephine Rolet, und auch Elisabeth Harms freut sich über diese Erleichterung - zumal die Fahrer die Einkäufe beim Heimfahren meist bis in den Aufzug tragen, der die Frauen in ihre Wohnungen bringt. „Die Fahrer sind sehr hilfsbereit und freundlich!“ Manche kommen mit in den Markt und helfen an der Kasse beim Einpacken – für die Damen zwischen 62 und 84 Jahren und teilweise mit leichten Behinderungen ein echter Segen. „Ich wohnte lange Jahre in Urberach, ehe ich hier in dieses Haus zog“, erläutert Wilma Becker ihre enge Beziehung zum benachbarten Ortsteil, „aber dafür habe ich jetzt hier eine gute Lage – alle Ärzte in der Nähe, einen Aufzug im Haus und die Bushaltestelle fast vor der Tür; das hilft.“

Wenn nur der Bus billiger wäre! Und die zehn Euro pro Strecke für ein Taxi sind für die Frauen, die gerne auch mal ins Schwimmbad oder ins Café fahren würden oder wie Wilma Becker die Freundinnen oder die Fastnachtsveranstaltungen in ihrer früheren Urberacher Heimat besuchen würde, nicht oft zu finanzieren. Wer bei rund 900 Euro Rente im Monat allein 450 Euro und mehr Miete (warm) zahlt, muss gewaltig rechnen. Drum sind sie sich einig: „Für uns ist es wichtig, dass es weiter geht“, zumal sie der Zukunft des seit August verkehrenden Stadtbusses, dem sie großes Lob zollen, etwas misstrauen.

Auch in Waldacker ist die Gruppe der Fahrgäste bei der monatlichen Einkaufstour sehr dankbar, weil auch hier die Chauffeurin Marisa Haring im Bedarfsfall mit Haustür-Service und mehr arbeitet. „Ich habe da öfters mal 500 Jahre im Auto – die mitfahrenden Damen sind zumeist zwischen 80 und 93 Jahren und freuen sich, auch mal etwa zu einem Schuhgeschäft in Eppertshausen gefahren zu werden“, worauf sich Marisa Haring, höchst aktives Mitglied der Stadtteilgruppe Waldacker, gleich die nächsten Angebote ausdenkt. Auch die Resonanz auf das Waldacker-Fest war groß: „Wir haben seit einiger Zeit das Gefühl, dass wir hier Nachbarschaft leben“ ist so ziemlich das schönste Kompliment, dass die Organisatoren bekommen konnten. Und Hoffnung auf die Fortsetzung der Fahrten im Einkaufsbus macht.

Quelle: op-online.de

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