Miteinander und füreinander

Ober-Roden - Als sich gestern Mittag alle Rödermärker Schüler und auch die Lehrer über den Beginn der zweiwöchigen Herbstferien freuten, war da auch Nico dabei. Nico ist acht Jahre und geht in die dritte Klasse der Trinkbornschule wie seine Freunde auch. Von Christine Ziesecke

Doch Nico ist anders - er bekommt keine Benotung, er braucht mehr Aufmerksamkeit seiner Lehrerinnen und er strapaziert auch oft die Nerven seiner Mitschüler. Aber Nico ist glücklich, einer von ihnen in der dritten Klasse der Regelschule zu sein. Und er lernt ungeheuer viel davon. Normalerweise, ohne den großen Einsatz seiner Eltern Andreas Finke und Edith Eckhardt in der Obergasse, wäre er auf einer anderen Schule: Nico hat Trisomie 21, besser bekannt als Down-Syndrom, einen Genom-Fehler, in dem das Gen 21 dreifach vorliegt.

Er kam mit Kaiserschnitt auf die Welt. „Zwei Wochen hatten wir ein gesundes Kind; wenn er auch zierlich war. Dann hat er nichts gegessen und getrunken“, erzählt sein Vater. Ein halbes Jahr wurde der kleine Nico von Intensivstation zu Intensivstation gebracht. Schon mit einem Dreivierteljahr musste er eine große und langwierige Herzoperation durchstehen. Die Eltern selber sind beide gesund. „Es ist eine Laune der Natur, haben uns die Ärzte klar gemacht.“

Doch Familie Finke beschloss diesem Kind alle nur möglichen Chancen zu geben – wobei ihnen ein neues Gesetz genau zur Zeit der Einschulung von Nico zu Hilfe kam. In der Kita St. Nazarius zuvor gut betreut, wollte Andreas Finke seinen Sohn unbedingt statt in der Förderschule in einer Regelschule eingeschult haben. Hierfür setzte er alle Hebel in Bewegung. So wurde er zum Mitbegründer von „IGEL-OF“, der Initiative für gemeinsames Lernen in Stadt und Kreis Offenbach, die sich um alle Belange der Inklusion, des gemeinsamen Lernens von im weitesten Sinne behinderten und nicht behinderten Schülern, kümmert.

Nico und seine Geschichte wurden Thema in vielen Zeitungen und im Fernsehen, und das half. Innerhalb einer Woche war der Bescheid zur Umbeschulung da. „Mit IGEL-OF haben wir mit unseren derzeit rund 70 Mitgliedern inzwischen einiges bewirkt; leider kämpfen wir darin etwa auf Kreisebene zumeist um die Genehmigung von Sonderbetreuungen als Schulbegleitung“, bedauert der rührige Vater. Sein eigener Sohn hat derzeit Begleitung für zehn Wochen-Schulstunden genehmigt bekommen, die aber auch ausschließlich auf Innerschulisches bezogen sind. Sonst sind immer Eltern oder Verwandte gefragt.

Andreas Finke ist längst Mitglied im Elternbeirat und in der Schulkonferenz, um seinen Forderungen nach einem weitgehend normalen Leben und Lernen für seinen Sohn wie für alle anderen Betroffenen Nachdruck zu verleihen. „Unsere Schulleitung will inklusive Schule werden, deshalb tut sich immer einiges. Schulleiterin und Konrektorin sowie das Kollegium sind uns sehr aufgeschlossen entgegengekommen.“

Die Grundidee: Kinder lernen in der normalen Gruppe einfacher und finden eher Freunde für später. „Nico ist etwas sturer als normale Kinder, blockt leichter. Aber er macht nicht nur uns sehr viel Freude. Wir akzeptieren ihn so wie er ist, deshalb soll er überall mit normalen Kindern zusammenkommen, zuhause ebenso wie in der Schule.“ Mit einem großen Schlachtfest hat der Metzger Andreas Finke am vergangenen Wochenende erst im Dinjerhof Spenden für Sonderausgaben bei der inklusiven Betreuung in der Schule „erarbeitet“. Gut 1000 Euro kamen auf diesem Wege zusammen.

In der Trinkbornschule werden derzeit nach der neuen Gesetzeslage seit etwa zweieinhalb Jahren neben mehreren Kindern, die Lernhilfe oder Erziehungshilfe benötigen, auch zwei Kinder mit „Förderbedarf für geistige Entwicklung“ beschult. „Eltern haben ein Recht darauf, ihre Kinder in der Regelschule anzumelden, und wir probieren es aus“, erläutert Rektorin Angela Behle. „Das gesamte Kollegium hat das zunächst sehr positiv gesehen, doch wir merken zunehmend, dass wir, vor allem die betreffenden Klassenlehrerinnen, sehr gefordert und belastet damit sind.“ So lange der Kreis keine ausreichenden Zuschüsse für Begleitung bereit stellt, „kostet es uns alle sehr viel Kraft, ohne zusätzliche Ausbildung und ohne Fachpersonal diesen Kindern und den anderen Kindern in den Klassengerecht zu werden.“

Quelle: op-online.de

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