Norbert Keck telefoniert sich durch Wildparks und Tierauffangstationen in ganz Hessen.

Jäger päppelt Frischling auf

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Flaschenkind: Vorm Spaziergang im Garten bekommt Frischling „Rudi“ 200 Milliliter Milch. Der Erfolg ist auf der Waage zu sehen. „Rudi“ hat sein Gewicht innerhalb von vier Wochen nahezu verdoppelt. 

Jäger Norbert Keck fängt in Götzenhain einen Frischling, der offenbar den Anschluss an seine Rotte verloren hat. Er päppelt das abgemagerte Wildschweinchen daheim in Urberach auf. Doch da kann es nicht bleiben. 

Urberach – Habe ich der Natur ein Schnippchen geschlagen? Oder habe ich ihr ins Handwerk gepfuscht? Diese Frage hat sich Norbert Keck in den vergangenen vier Wochen etliche Mal gestellt.

Ende Juli wurde der Urberacher Jäger in sein Revier bei Götzenhain gerufen. Im Garten eines Bauernhofs irrte seit zwei Tagen ein Frischling herum und machte keine Anstalten, in den Wald zurückzukehren. Norbert Keck organisierte viele Helfer und eine Treibjagd ohne Gewehr. Nach langem Hin und Her versteckte sich das Jungwildschwein im Schilf, wurde dort eingekesselt und mit einem Kescher gefangen.

Kecks erster Eindruck: „Es sah ziemlich verhungert aus.“ 3,8 Kilo sind in der Tat zu wenig für einen Frischling, der geschätzte acht bis zehn Wochen alt war. Norbert Keck nimmt an, dass er den Anschluss an seine Rotte verloren hat. Hätte der Frischling sich nicht auf den Bauernhof verirrt, wäre er im Wald verendet – das ist nun einmal der Lauf der Natur.

So aber saß er im Kescher und blickte seine Fänger mitleidserregend an. Ihn schnell ins Auto setzen und irgendwo im Wald seinem Schicksal überlassen? Das kam für Norbert Keck nicht in Frage.

Frischling heißt jetzt „Rudi“ 

Er nahm den Frischling mit nach Hause und gab ihm den Namen „Rudi“. Die ganze Familie päppelte ihn mit Trauben, Walnüssen, Würstchen und Hundeleckerlis auf. Fünf Mal pro Tag zuckelt „Rudi“ seither eine 200-Milliliter-Flasche Milch leer. Sein Gewicht stieg auf gut sieben Kilo.

Norbert Keck ließ den Frischling tierärztlich versorgen und entwurmen: „Inzwischen geht"s ihm gut!“

Den Tag verbringt „Rudi“ in einem Freiluftgehege, zwischendrin nimmt Keck das Wildschweinchen an die Leine und führt es in seinem großen Garten spazieren. Im Holzschuppen hat er ihm ein regensicheres Quartier eingerichtet. Nachts verfrachtet Keck den Frischling in die Wohnung: „Dann sitzt er in dem Laufstall, in dem schon meine Kinder, mein Bruder und ich waren.“ Anfangs musste „Rudi“ alle zwei Stunden gefüttert werden, inzwischen schläft er fünf oder sechs Stunden am Stück.

Eine neue Heimat für den kleinen Frischling 

Norbert Keck sucht eine neue Heimat für „Rudi“. Er hat in der Fasanerie in Klein-Auheim, im Vivarium in Darmstadt und mehreren Wildtierauffangstationen gefragt und „bis nach Kassel telefoniert“: überall Fehlanzeige. Man könne ihn nicht integrieren, lautete die Antwort. Aus Frischlingen werden Überläufer, und die werden im Alter von einem Jahr aus der Rotte verjagt, weiß der Jäger..

Einfach auswildern darf er „Rudi“ auch nicht. Schließlich habe er das Tier „der Natur entnommen“, beschied ihn das Veterinäramt des Kreises Offenbach.

Der Verein „Wildparkretter“ in Hofheim am Taunus ist Kecks derzeit letzte Hoffnung. Der Vorsitzende hat noch Urlaub.

Klar ist für den Norbert Keck, der im Lauf seines Jägerlebens schon etliche erwachsene Wildschweine erlegt hat, nur eins: „Jetzt bringe ich es nicht mehr übers Herz, ihn zu töten.“

Womit die eingangs erwähnten Fragen _ der Natur ins Handwerk pfuschen oder ihr ein Schnippchen schlagen – letztlich doch eindeutig zugunsten des Frischlings, der sich in Urberach sauwohl fühlt, beantwortet wären.

VON MICHAEL LÖW

Quelle: op-online.de

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