Jahresrückblick 2012

Viele mühsame Balanceakte

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Die Statue des Gottes Apoll auf dem Urberacher Festplatz.

Rödermark - Drahtseilakt, Eiertanz, Gratwanderung, auf der Kippe stehen, Grenzgang: Es gibt viele Begriffe für das Bemühen, es möglich allen Recht zu machen und und am Ende doch etliche zu verprellen. Von Michael Löw

Die Statue des Gottes Apoll auf dem Urberacher Festplatz steht als Symbol für die mal mehr, mal weniger erfolgreiche Suche nach Balance, die 2012 typisch für Rödermark war. Hier der Versuch, die vielleicht wichtigsten Drahtseilakte der vergangenen zwölf Monate zu zumindest anzureißen - auch wenn am Ende der ein oder andere Aspekt runterfällt. Den sympathischsten Balanceakt wagt Rita Saager. Als Bestatterin ist sie von Berufs wegen zu Pietät, Ernst und Würde verpflichtet, denn das erwarten trauernde Hinterbliebene von ihr. Nach Feierabend steigt sie gelegentlich in die Bütt und bringt die Leute zum Lachen. Lebensfreude hilft der am 11.11.55 geborenen Ober-Röderin über die Trauer hinweg, mit der sie tagtäglich konfrontiert wird.

Ach, wenn sich doch auch in Waldacker alles so einfach in Schwarz und Weiß hätte einteilen lassen. Dort endet am 6. Oktober einer der längsten Eiertänze in der gut 35-jährigen Historie Rödermarks. Zum Ende des Hauptstraßen-Umbaus macht Bürgermeister Roland Kern ein Fass auf, und alle stoßen mit an. Doch gefühlte Ewigkeiten war kein Hut groß genug, um alle Interessen unter denselben zu bringen. Da waren die lärm- und staugeplagten Anwohner der B459, die ein wenig mehr Ruhe vor ihren Haustüren wollten, da waren Fußgänger und Radfahrer, die nicht länger Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse sein wollten, da waren Pendler, die auf kurze Wege zur nächsten Bushaltestelle hofften, da waren Autofahrer, die möglichst störungsfrei zur Arbeit kommen wollten, da waren Anwohner von Seitenstraßen, die eine Verlagerung des Verkehrs in bislang eher stille Ecken befürchteten.

Neuer Asphalt für B459

Zwischen allen Gruppen stehen die Stadt und die bekannt umständliche Straßenbaubehörde Hessen Mobil, die aus möglichst wenig Geld möglichst viel machen wollen. Oder müssen - je nach Sichtweise. Der große Wurf kommt nach Jahrzehnten des Diskutierens und Monaten des Arbeitens nicht heraus. Die B459 hat neuen Asphalt, neue Überwege und eine Mischung aus Fuß- und Radweg bekommen. Den Rennpisten-Charakter hat sie auf etlichen hundert Metern aber immer noch behalten. Das hätte man auch billiger haben können als für mehr als eine Million Euro aus öffentlichen Kassen.

Ein wildes Hin und Her ist der Verkauf des Bahnhofs Ober-Roden. Der Magistrat und ein Steuerberatungsbüro hatten sich grundsätzlich geeinigt. Doch die Details, in denen ja angeblich der Teufel steckt, machen die Verhandlungen zum Hindernislauf. Als größtes und am Ende unüberwindbares Hindernis entpuppt sich der Denkmalschutz, auf den der Kreis gegen Ende der Gespräche hingewiesen hat. Dass das den ohnehin genervten Investor überrascht, mag man ja noch verstehen. Aber dass auch Magistrat und Bauverwaltung nichts davon gewusst haben, ist mehr als verwunderlich. Bürgermeister Roland Kern und die CDU in wechselnden Koalitionen haben immer wieder betont, wie historisch wertvoll das alte Gemäuer fürs Stadtbild ist. Anfang Juni platzt das Geschäft, Stadt und Investor machen sich gegenseitig fürs Scheitern verantwortlich.

Noch im Sommer startet der Magistrat mit einstimmiger Rückendeckung durch das Parlament einen neuen Verkaufsversuch. Das Wort Denkmalschutz ist im Exposé besonders dick hervor gehoben. Ein Dutzend Interessenten reicht Entwürfe ein, drei kommen in die engere Auswahl, am Ende bleibt nur noch der Urberacher Projektentwickler Hans-Jörg Vetter übrig. Der erhält am 7. Dezember den Zuschlag und will sich im Frühjahr auf die Gratwanderung zwischen Wirtschaftlichkeit und städtebaulichen Anforderungen machen.

Nachbarschaftsstreit umd Kreuz

Eine Grenze hat normalerweise zwei Seiten, von denen man sich ihr nähern kann. Problematisch wird’s, wenn die Grenze nur einen Zugang hat - so wie die Scheunenwand des Urberacher Pressefotografen Klaus Braungart. Die erreicht er nur über das Grundstück seines Nachbarn, ein Grenzstreit liegt also geradezu in der Luft. Als Kreuzstreit sorgt er für Schlagzeilen über Hessen hinaus und beschäftigt vier Richter. Die 21. Zivilkammer des Landgerichts Darmstadt macht ihm im Winter ein Ende, und Mitte Mai lässt Braungart das große Holzkreuz, das sein Nachbar Johann Müller im April 2009 widerrechtlich abgesägt hatte, wieder aufhägen. Braungart kostet seinen Sieg genüsslich aus und hat ein halbes Dutzend Medien inklusive zweier Fernsehsender über die Vollstreckung des Richterspruches informiert. Vor laufenden Kameras feiert er seinen Triumph über eine Familie, die nicht nur das jahrelange Hickhack, eine Schlappe vor Gericht und eine dicke Handwerkerrechnung zu ertragen hat, sondern zwischenzeitlich auch noch den Tod ihres Oberhauptes verkraften musste. Da hat ein Sieger die Grenze des Anstands weit überschritten.

Ein Drahtseilakt mit vorhersehbaren Gleichgewichtsproblemen sind die diversen Beteiligungsprozesse, die Bürgermeister Roland Kern und Erster Stadtrat Alexander Sturm in den vergangenen zwölf Monaten in Gang gesetzt haben. Klimaschutzkonzept oder die Quartiersgruppen Waldacker und Urberach seien hier der Vollständigkeit halber erwähnt, aber sie haben keinen der Protagonisten ernsthaft aus der Balance gebracht.

Bürgerbefragung zum Haushalt 2013

Die engagiert geführte Diskussion übers Rödermark-Leitbild und die Bürgerbefragung zum Haushalt 2013 dagegen wecken beim Bürger am Boden indes Hoffnungen, die in den höheren Sphären der Politik nicht erfüllt werden. Ideen wie noch mehr kostenlose Kultur, noch bessere Kinderbetreuung, kostenlose Parkplätze in Geschäftsnähe, ein lückenloses Radwegenetz und barrierefreie Ortskerne lassen sich beim besten Willen nicht in Einklang mit einer leeren Stadtkasse bringen. Und Vorschläge, bei den schönen Künsten besonders kräftig zu sparen, passen andererseits nicht ins Bild einer liebenswerten Kleinstadt im Grünen. Diese Art der Beteiligung hätte man sich sparen können, lautet das Fazit enttäuschter Bürger nach einer Haushaltsdebatte, in der das Parlament nahezu einstimmig höhere Grundsteuern und Kindergartengebühren beschließt. Beides wäre den Leuten mit ein wenig Vorlauf durchaus zu vermitteln gewesen wären, denn unter den Rettungsschirm des Landes kommt nur, wer seinen Etat rigoros saniert.

Auf dem schmalen Grat der Entscheidungsfindung wandelt Kämmerer Alexander Sturm. Im Sommer läuft seine zweite Amtszeit als Erster Stadtrat aus, und noch hat er sich nicht öffentlich festgelegt, ob er eine dritte dranhängt. Schließlich haben CDU und Andere Liste eine satte Mehrheit im Parlament. Die Zeichen stehen eher auf Abschied, denn mit dann 51 Jahren ist Alexander Sturm jung genug für einen beruflichen Neuanfang. Der Politik steht also ein spannendes Jahr ins Haus.

Quelle: op-online.de

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