Jeder stieg ins Haushaltsloch

Ober-Roden ‐ Die lokale Finanzkrise und die Suche nach einem Ausweg waren die alles beherrschenden Themen der Podiumsdiskussion, zu der die Kolpingsfamilie alle fünf Bürgermeister-Kandidaten an einen Tisch gebracht hatte. Von Michael Löw

Amtsinhaber Roland Kern (AL)

Rund 200 Zuhörer füllten das Forum St. Nazarius über den sprichwörtlichen letzten Stuhl hinaus - kein Wunder, war‘s doch das einzige Aufeinandertreffen des amtierenden Rathaus-Chefs Roland Kern (AL) und der vier Männer, die ihm dieses Amt am 27. März streitig machen wollen: Norbert Rink (parteilos/CDU), Stefan Junge (SPD), Hans Gensert (FDP) und Manfred Rädlein (Freie Wähler).

Die Rollen waren klar verteilt. Die Herausforderer versuchten, Kerns Amtsbonus zum Malus zu machen; Kern stand deshalb des Öfteren in der Defensive und musste als Bürgermeister verteidigen, was er als Oppositionspolitiker scharf bekämpft hatte - die Kulturhalle und ihre Leasingkosten von 4 500 Euro am Tag.

Stefan Junge (SPD)

Hans-Dieter Scharfenberg von den stark im Forum vertretenen Freien Wählern hatte ihrem Kandidaten Rädlein den Ball zugespielt und gefragt, wie Rödermarks künftiger Bürgermeister zu den Einschränkungen bei Kulturhalle, Stadtbücherei und Badehaus steht, die Kämmerer Alexander Sturm (CDU) und die schwarz-rote Mehrheit festschreiben wollen. Sparen beim Theater ist für Roland Kern ein „Schildbürgerstreich, den ich nicht mitmache“. Er will die Halle häufiger vermieten, das bringe Geld in die Kasse: „Wir zahlen 17 Jahre lang jeden Tag 4 500 Euro Leasingrate, egal, ob in der Halle was ist oder nicht!“

Hans Gensert (FDP)

FDP-Bewerber Hans Gensert will defizitäre Veranstaltungen, die zudem noch schlecht besucht sind, komplett aus dem kommunalen Kulturprogramm kippen und schlug vor, die Halle aus dem Leasingvertrag zu kaufen. Bei den derzeit niedrigen Zinsen rechnet sich das seiner Ansicht nach schnell für die Stadt. Diese Variante habe der Magistrat schon geprüft, hielt Kern dagegen. Das gebe der Vertrag nicht her.

Manfred Rädlein (Freie Wähler)

Reduzierte Öffnungszeiten oder Programme verkleinern das Finanzloch, argumentierte Norbert Rink ganz im Sinne von Kooperation und Kämmerer. Mit kleinen Lösungsvorschlägen hielt er sich nicht lange auf und forderte sofort, zusätzliche Gewerbeflächen auszuweisen. Nur wenn Firmen nach Rödermark kommen und Steuern zahlen, fließe auch Geld für Kultur und Soziales in die Kasse. Das Millionenloch im Etat des Badehauses rechnete Rink klein: Umgelegt auf 28 000 Rödermärker bedeute es eine Pro-Kopf-Belastung von nicht einmal 40 Euro. „Gönnen wir uns sowas!“ forderte er Unterstützung für Bad und Sauna. Was ihm so manchen höhnischen Lacher bescherte.

Norbert Rink (CDU)

Dieses Schicksal teilte er mit Manfred Rädlein: Seinen Beteuerungen, dass die Freien Wähler mit der etablierten Politik nichts zu tun haben, schenkte nur eine Minderheit im Saal Glauben. „Wenn ich Bürgermeister bin, werde ich Rödermark behandeln wie meine Familie“, kündigte er an. Die nämlich gebe nur so viel Geld aus wie sie auch einnimmt und leiste sich keine überflüssigen Extras wie das Badehaus. Dass die Kosten für dessen Betrieb explodiert seien, liegt für Rädlein einzig und allein an der Sauna, die er als Bürgermeister sofort schließen oder verkaufen würde. Wenn die Stadt schon an der Leasingrate für die Kulturhalle nichts ändern könne, müsse sie anderswo sparen: „Dann sollten wir auch übers Personal reden.“

Stefan Junge präsentierte sich potenziellen Wählern als Kandidat, der keine hochfliegenden Versprechungen machen wolle. Ein Bürgermeister könne nur umsetzen, was die Stadtverordneten vorgeben. Aber das werde er zügig tun und sich darüber hinaus um Kleinigkeiten kümmern. Er würde sogar morgens das Badehaus aufschließen, wenn der Schwimmmeister einmal verschlafen hat.

Junge war es dann auch, der ein paar Seitenhiebe gegen seine Konkurrenten austeilte. „Ich weiß nicht, lieber Manfred, wo du plötzlich den Stein der Weisen her hast“, stichelte er gegen Rädlein, der als FDP-Stadtverordneter etliche der Beschlüsse mitgetragen habe, die er jetzt verurteile. Den Anstieg der Pro-Kopf-Verschuldung von 770 Euro im Jahr 2006 auf über 1 200 Euro in diesem Jahr legte er dem Bürgermeister zur Last: „92 Prozent des gesamten Haushalts verantwortest du, lieber Roland!“

Keine Sieger oder Verlierer auszumachen

Alles in allem gingen die Kandidaten aber pfleglich miteinander um. Was auch für die meisten Fragesteller galt. Nur zwei ignorierten die Bitte von Moderator Klaus Büttner, dem Ehrenvorsitzenden der Kolpingsfamilie, sich mit Namen vorzustellen.

Manfred Wehner, der das Quintett nach seinen Vorstellungen zur interkommunalen Zusammenarbeit gefragt hatte, dürfte indes am Hörvermögen der Bürgermeister in spe zweifeln. Keiner ging direkt auf ihn ein. Hier ein Auszug aus den „Antworten“ in der Chronologie der Rednerliste: „Selbst wenn wir all unsere freiwilligen Leistungen streichen, werden wir unsere Schulden nicht los!“ (Junge), „Ich möchte nicht nur im Grünen leben, sondern auch im Grünen arbeiten!“ (Gensert); „Eschborn muss ein Vorbild für Rödermark sein!“ (Rink); „Die Wirtschaftsförderung muss Rödermark als Produkt verpacken!“ (Rädlein); „Wir müssen unser Gemeindegebiet hüten wie einen Augapfel!“ (Kern).

Sieger oder Verlierer ließen sich nach knapp drei Stunden nicht ausmachen. Jeder Kandidat hatte gesagt, was seine Anhänger erwarteten.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © tommyS / Pixelio.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare