Kelterei Schwarzkopf schließt

Der letzte Apfel ist zu Saft gepresst

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Urberach - Nach fast 90 Jahren endet eine Urberacher Tradition. Die Kelterei Schwarzkopf versiegt als „Stöffche“-Quelle. Von Christine Ziesecke 

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„Das geht gar nicht“, mag so mancher Freund des hessischen Nationalgetränks denken, der für einen spätsommerlichen Grillabend „beim Schwarzkopf“ schnell Apfelwein holen will. „Aus Altersgründen ab 12. Dezember geschlossen“, steht da. Seit September kann eigentlich nur noch Leergut abgegeben werden. Die gute Nachricht: Ein halber Tank ist noch da; bis Anfang Oktober wird’s also auch noch original Orwischer Stöffchen im Kanister geben, nur die Flaschen sind schon ausverkauft. Die schlechte Nachricht hinten dran: Beim Küfer herrscht blitzblanke Ordnung auf dem Hof; statt Tonnen frischer Äpfel für die Kelter gibt’s nur sauber gefegte Becken und glänzend polierte leere Stahltanks. Und einen Edmund Weiland, Enkel des Gründers Adam Schwarzkopf, der zwischen leichter Wehmut und Erleichterung schwankt, aber einen verständlichen Wunsch hat: „Das waren rund 50 Jahre Knochenarbeit. Und ich will nicht hier raus direkt in die Kiste!“ Er wird 65, und statt zentnerschweren Fässern und Kanistern möchte er in Zukunft lieber seine Enkel herumschleppen, mit seiner Frau radwandern oder skifahren - und ab und zu im Signal-Iduna-Park in Dortmund auf der Tribüne stehen...

Der Küfer macht zu. Ähnlich heftig muss es die Menschen getroffen haben, als 1971 nach dem Tod von Adam Schwarzkopf die Traditionswirtschaft „Zum Rebstock“ in der Töpfergasse geschlossen wurde. Wirtshaus und Kelterei konnten Vater Willi Weiland und Sohn Edmund nicht mehr alleine stemmen. Sie entschieden sich für die Küferei, bauten im Laufe der Jahre neue Edelstahl- und Kunststofftanks für die Lagerung ein und erweiterten den Betrieb auf dem zweieinhalbtausend Quadratmeter großen Grundstück in der Darmstädter Straße. Von Edmund Weilands beiden Kindern blieb Tochter Diana hängen. Sie schloss eine Ausbildung zur Industriekauffrau ab, arbeitete aber schon immer zusätzlich und in den vergangenen zehn Jahren mit voller Kraft für die Kelterei: Buchhaltung, Abfüllung, Verkauf. Viele hundert Kindergarten- und Schulkinder sind hinter ihr her durch den Hof gewandert und haben erfahren, dass Apfelsaft nicht im Tetrapack auf die Welt kommt und wie frische Maische schmeckt, wie der neue Süße riecht, wenn er aus der Kelter fließt, und vor allem, wie er schmeckt. Sie haben gelernt, dass es für Apfelsaft und Apfelwein nicht die polierten Äpfel aus dem Supermarktregal braucht, sondern ruhig die schrumpeligen, leicht fleckigen von den Streuobstwiesen rund um Urberach.

Ausgerechnet in diesem Herbst gibt’s viele Äpfel, doch in den vergangenen Jahren war die Ernte mehr als spärlich. „Das war mit ein Grund für meine Entscheidung aufzuhören. Außerdem wird die Lohnkelterei, das Pressen für all jene, die selbst ihr Stöffchen draus machen, auch immer weniger“, begründet der Küfer. Auch er hatte mit 13 nach der Schule erst einmal „etwas Gescheites“ lernen müssen, Starkstromelektriker, ehe er nur noch den Vater Willi unterstützte: „Schließlich war Großvater Adams Leitspruch immer schon: Äppelhandel ist Narrenhandel – man weiß nie, was rauskommt.“ Jetzt ist mit Orwischs Traditionsgetränk erst einmal Schluss, sehr zum Leidwesen nicht nur der Alteingesessenen. Es nimmt dem Ortsteil ein gutes Stück seiner Identität. Traurig für alle Traditionsbewussten, für Liebhaber eines guten sauberen Stöffchens und für manchen Mundartdichter und –sänger. Aber vielleicht der richtige Zeitpunkt für Edmund Weiland, der augenzwinkernd verrät: „Ich fühl mich zwar noch wie 20, brauch aber meine Energien jetzt mal für meine Frau und meine Enkelkinder und die Dortmunder Borussen.“ Und fährt tatsächlich mitten in der Apfelernte erstmals in Urlaub - für ganze vier Tage: „Man muss es ja nicht gleich übertreiben!“

Quelle: op-online.de

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