In Urberach

Kerbauftakt ist zum Selbstläufer geworden

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Kerbauftakt: Orwischer Mundart bringt die Gäste wieder gesellig zusammen. Den ganzen Abend über lief die Apfelkelterei auf Hochtouren und der frisch gepresste Süße wurde umgehend wieder ausgeschenkt.

Urberach - Was verbindet der Rödermärker Bürger ganz spontan mit Urberach? Töpfern, Äppler, Orwischer Mundart und die Kerb. Das alles gab dem Kerbauftakt die typisch Orwischer Note.

Der Hof des 100-jährigen Herschwert-Hauses – derzeit auch Motiv auf den tönernen Sammler-Buttons – und der laue Spätsommerabend waren die richtige Kulisse für den zur schönen Gewohnheit gewordenen Mundartabend zum Kerbstart. Patricia Lips kam extra aus der Hauptstadt („die setzen immer schon einen Sonderflug an, wenn in Orwisch Kerb ist“). Als Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins freute sie sich über die gewohnt große Besucherzahl, die schon lange vor den ersten Klängen vom Heuwagen herunter alle Klappgarnituren besetzten – der Mundartabend ist längst ein Selbstläufer; die Urberacher und viele Gäste aus dem eng benachbarten Ober-Roden genießen diesen Auftakt mit Erinnerungen und Anekdoten aus der Orwischer Vergangenheit.

Auf den Punkt brachte dieses Wir-Gefühl gleich einmal Christina Knapek, die – wie immer selbst geschrieben – berichtete, was sie „aus dem Fenster gelehnt“ so alles mitkriegt. „Ich brauch kein’ Fernseher und kein Radio“ – was sie vom nachbarlichen Straßenkehren bis zum unbeschreiblichen Verkehr da so alles erlebt, ist einfach „der normale Wahnsinn uff de Gass“, wegen dem sie nicht mal in Urlaub fahren kann – „was täten dann die Nachbarn sagen…“.

„Dem Hans soi Fichtemoped“

Florian Althaus – vorerst zum letzten Mal, da er als Lehrer in ein anderes Bundesland wechselt – erzählte einige Schwänke aus eben diesem Schulalltag, erinnerte aber auch an den in diesem Jahr leider nicht mitfeiernden Hans Sulzmann und seinen jahrzehntelangen Einsatz beim Kerbbaum-Sägen. „Dem Hans soi Fichtemoped“ stand dabei stets im Mittelpunkt – die unersetzliche Kettensäge des nimmermüden Über-80-Jährigen. Ums Schreinern ging’s auch bei Peter Knapps Beitrag mit Erinnerungen an seine Lehrzeit beim „Schwob Schorsch“. Vor allem aber gingen seine Gedanken zurück an seinen Vater, der von dem aus dem Krieg heimkehrenden Großvater geträumt hatte, das er einfach aus dem Zug stieg – und der mit dieser Vorhersehung seine ganze Familie überraschte.

Besonderer Gast in diesem Jahr: der 88-jährige (und langjährige Edelweiss-Sänger) Edmund Seib, der mit immer noch kräftiger Stimme „Ei, ei, ei, mei Schöppsche, ach, wie schmeckst du gut“ auf die Melodie von „Heile heile Gänsche“ schmetterte und anschließend auch die Kerbmädchen und -burschen bei ihrem Kerbgesang stimmgewaltig begleitete. Dazu erklang die Knappsche Quetschkommode. Und auch Herbert Sulzmann gab eine Zugabe zum Besten: unter lautem Gelächter der Gäste erzählte und sang er die Moritat von seiner Schipp’.

Kerb 2014 in Urberach

Kerb 2014 in Urberach

Während vom alten Heuwagen herunter den ganzen Abend lang Musik von den Rodauschiffern erklang und davor Orwischer Anekdoten zum Besten gegeben wurden, lief wenige Schritte weiter der frische Süße aus der Kelter und direkt in die Kanister, aus denen umgehend auch wieder ausgeschenkt wurde. Peter Knapp und seine Familie kelterten im Handbetrieb in der Scheune und im Eingang zum Herschwert’schen Hof, von den Gästen bestaunt, die in diesem Jahr üppig ausfallende Apfelernte. Derweil gab es beim benachbarten Stand der Viktoria natürlich auch neben dem Süßen schon fertigen Äppler, dem die Kerbgäste gerne zusprachen. Auch fürs restliche leibliche Wohl sorgten Herschwert wie Viktoria mit deftigen traditionellen Leckerbissen.

Fürs erbauliche Erinnern und so manches nachdenkliche „Ach, das kenn’ ich auch noch“ sorgte der Heimat- und Geschichtsverein mit dem Verkauf seines Kalenders 2015 alter Gasthäuser in Ober-Roden und Urberach. Von der limitierten Auflage von 200 Stück gingen viele bereits am Freitag beim Ehepaar Dutine über den Tisch; am Wochenende war er auch im Töpfermuseum bei der gleichnamigen Kerbausstellung erhältlich. Einige Restexemplare wird’s auch auf der Ober-Röder Kerb noch geben.

chz

Quelle: op-online.de

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