Aktion am Heiligen Abend

Breidert-Initiative: Kerzen leuchten für Einsame

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Kerzen im Fenster oder zum Weitergeben - wie hier bei Karlheinz Weber von „Wir sind Breidert“ - signalisieren Gastfreundschaft für Menschen, die Weihnachten sonst in Einsamkeit verbringen müssten.

Ober-Roden - Nicht nur an Heiligabend, doch da vermehrt, stehen auch in Rödermärker Fenstern wieder brennende Kerzen und zeigen: „Meine Tür steht offen. Wenn sonst kein Raum und kein offenes Ohr warten: hier ist eine Herberge, hier wird dir geöffnet.“. Von Christine Ziesecke 

Ursprünglich brannten 1945, nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, in vielen Fenstern des besiegten Deutschland Kerzen. Mit dieser Geste wurde der Kriegsgefangenen gedacht, die bis dahin noch nicht heimgekehrt waren. Noch bis in die 1960er Jahre wurde diese Tradition aufrecht erhalten: Die Kerze im Fenster zu Heiligabend diente als Solidaritätsbekundung zu den „Brüdern und Schwestern im Osten”, die unter der deutschen Teilung litten. Inzwischen wird der Brauch, am Abend des 24. Dezember eine Kerze in das Fenster zu stellen, weiter gepflegt. Sie strahlt das Licht des Friedens aus, das aber zugleich seine Wärme und seine Leuchtkraft weitergibt und Brücken baut zwischen den Menschen.

Initiative „Wir sind Breidert“

Brücken bauen hatte im Advent auch die Initiative „Wir sind Breidert“ bewegt. Gibt es Menschen, denen wir uns zuwenden sollten, weil sie von sich aus nicht um Hilfe bitten? Das fragte sich die rührige Nachbarschaftsgruppe und überlegte, nach den Menschen zu schauen, die Christi Geburt vielleicht nicht in gemütlicher Familienrunde oder in trauter Zweisamkeit feiern, sondern allein sind und das aber niemanden spüren lassen. Die Menschen haben Angst zugeben zu müssen: „Ich habe niemanden, mit dem ich Weihnachten feiern kann.“ Einsamkeit stellt sie vermeintlich ins Abseits. Es bleibt also den Nachbarn überlassen, feinfühlig herauszufinden, wer sich über ein Klingeln an der Haustür freut, vielleicht mit einem Lichtschein aus der mitgebrachten Laterne oder mit ein paar aufmunternden Worten.

Wie viel Einsame es in Rödermark gibt, weiß niemand zu sagen. Selbst die Pfarrer sind sich unschlüssig über die Zahlen jener Menschen, die sich vielleicht über ein wenig Nähe freuen würden: „Dass der eine oder andere ‚Nachbar’ ein Licht braucht, gerade in der adventlichen Zeit, vielleicht auch mehr als nur ein Licht -, davon bin ich fest überzeugt, das ist meine häufige Wahrnehmung“, weiß Pfarrer Carsten Fleckenstein aus persönlicher Berufserfahrung. An seiner früheren Pfarrstelle gab es auch Essen für Alleinstehende, wie es schon in den evangelischen Kirchengemeinden in Ober-Roden und in Urberach angeboten wurde. Doch schon damals hing es daran, die Leute anzusprechen, die Ansprache wirklich brauchten, und auch die Menschen zu finden, die wirklich fröhlichen Herzens so etwas vorbereiten und begleiten. Die Idee finden viele gut. Doch die Arbeit bleibt oft an den Hauptamtlichen hängen, die am Christfest ohnehin mehr als genug zu tun haben. Je größer die Gemeinden, desto schwieriger - eine große Gemeinde garantiert dem Einsamen jedoch auch wieder eine gewisse Anonymität. „Bei uns in unserer kleinen Gemeinde ist das kein großes Problem: Alleinstehende werden meist ohnehin von Familien und Paaren eingeladen. Hier weiß jeder, wem es an Wärme und Nähe fehlt“, erzählt Pastor Jens Bertram von der Freien evangelischen Gemeinde.

Adventsmarkt in Ober-Roden

Adventsmarkt in Ober-Roden

Je kleiner eine Gruppe, umso leichter ist das Klingeln an der Haustür, um ein wenig Kerzenschein vorbeizubringen, oder das Gespräch, aus dem es vielleicht zu einem Glas Wein oder einer Tasse Kaffee kommt. In diesem Jahr werden es erst einmal Kerzen in den Fenstern sein, die eine Offenheit gegenüber den Mitmenschen symbolisieren. Im nächsten Jahr ist es vielleicht schon eine Aktion: Brücken bauen an Weihnachten zu dem Nächsten und allen Menschen im Breidert. „Tragt in die Welt nun ein Licht“ - die Breidert-Initiative setzt in die Tat um, wozu das Kirchenlied von 1972 schon auffordert.

Quelle: op-online.de

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