Kirchweihfest

Wie in guten alten Zeiten

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Gleich geht"s los: Pferde, Kerbborsche und -meedschen warten, bis Horst Peter Knapps Peitsche knallt. Dann ziehen sie den Kerbbaum auf den Weg.

Urberach - Nach alter Väter Sitte hat die Orwischer Kerbkommission den Baum fürs morgen beginnende Kirchweihfest erstmals seit Jahrzehnten wieder mit Pferden aus dem Wald gezogen. Das Holzrücken forderte den beiden Rössern von Horst Peter Knapp einiges ab. Von Michael Löw

Fast zwei Stunden, nachdem Ex-Feuerwehrchef Hans Sulzmann (76) die Motorsäge angesetzt hatte, lag die 19-Meter-Fichte am Wegrand. Die Fjordpferde Susa (22) und Robin (6) hatten sich mächtig ins Geschirr gelegt, um das zu tun, was Generationen von Kerbborschen und -meedschen seit 1982 allein mit ihrer Muskelkraft erledigt hatten. Am Ende waren vier- und zweibeinige Waldarbeiter gleichermaßen durchgeschwitzt.

Die Urberacher stellen seit 30 Jahren einen der größten Kerbbäume in der Gegend auf. „Das ist auch ein Mannbarkeits-Ritual“, räumt Kerbkommissionär Ralph Steiner ein, dass man die Nachbarschaft gern übertrumpft. Vor allem natürlich die aus Ober-Roden. Denn dort, so die Orwischer Sicht der Dinge, ist die Birke allenfalls ein Bäumchen, das insgesamt nicht höher ist als die Spitze der Fichte, die ab heute Abend den Dalles ziert.

Sehen Sie, wie der Orwischer Kerbbaum aus Wald gezogen wurde

Orwischer Kerbbaum aus Wald gezogen

Für einen Urberacher Kerbbaum gelten ganz strenge Regeln. Exakt 27 Zentimeter Durchmesser muss der Stamm am unteren Ende haben, sonst passt er nicht in die Halterung. Nach elf bis zwölf Metern blank gescheuertem Holz bleiben immer mindestens sechs Meter Spitze stehen, die die Kerbpuppe vor Unbill von oben schützen.

Und krank muss es sein, das Schmuckstück vom Kirchvorplatz. „Ich habe noch nie einen gesunden Baum für die Kerb gefällt“, betont Sulzmann. In der Tat hat auch die 2012er Fichte einen faulen Kern, den ihr allenfalls der Kenner von außen ansah. Soviel Umsicht spart Ärger mit Forstamt und Naturschützern.

Überblick Kerb-Wochenende:

- Freitag, 19.30 Uhr: Auftakt beim „Hersche-Wert“

- Samstag, 15 bis 15.30 Uhr: Empfang der Kerbborsche am Dalles, Inthronisation von Kerbpuppe E... (der Rest des Namens bleibt bis zuletzt geheim), Bieranstich mit dem Ersten Stadtrat Alexander Sturm; 22 Uhr: Feuerwerk.

- Sonntag, 7.30 Uhr: gemeinsames Gassekehren der Kerbkommission; 14.30 Uhr: Sternmarsch der Kerbborsche und -meedschen zum Dalles; 15.30 Uhr: Kerbspruch.

- Montag, 11 Uhr: Frühschoppen; 18 Uhr: amerikanische Versteigerung des Kerbbaums.

Dieter und Alwin Kreis holen den Baum heute mit dem Traktor vom geheimen Lagerplatz im Wald ab und bringen ihn an die Kirche. Dort hilft der Kran der Firma Gas Müller beim Aufstellen.

Bis 1996 hatte die Kerbkommission dafür die Feuerwehr eingespannt. Doch der waren Baum und Risiko zu hoch - obwohl bei der Umgestaltung des „Dalles“ vor Jahren acht Kubikmeter Beton als stabilisierendes Element im Boden versenkt wurden und der Turm der St. Gallus-Kirche ein Widerlager für die Befestigung erhielt.

Das Holzrücken mit tierischer Hilfe war übrigens nicht nur für die Kerbborsche und -meedschen ein Novum. Auch Susa und Robin zogen erstmals so einen dicken Stamm aus dem Wald. Normalerweise spannt Horst Peter Knapp die Norweger - „Auf dieser Rasse ist schon Erik der Rote geritten!“ - vor seine Kutsche.

Quelle: op-online.de

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