Kleines „e“ vergessen?

Orwischer Klausnerstraße in der Diskussion

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Fehlt zwischen dem „s“ un dem „n“ nun das „e“ oder nicht? Für Karl Sturm gibt’s nur eine Antwort: Die Klausnerstraße müsste Klausenerstraße heißen, denn nur so passt sie in die Nachbarschaft Dr.-Goerdeler- und Geschwister-Scholl-Straße.

Urberach - Trägt die Klausnerstraße ihren Namen zurecht? Oder müsste sie nicht eigentlich Klausenerstraße heißen? Karl Sturm, der diese Frage aufgeworfen hat, würde das Schild gern um ein „e“ ergänzen und begründet dies mit mutigem Verhalten in den schlimmsten Jahren der deutschen Geschichte. Von Michael Löw

Lokalhistoriker sehen die Sache anders. Sophie und Hans Scholl bezahlten ihren Widerstand gegen Adolf Hitler mit dem Leben, und auch Carl Friedrich Goerdeler starb für seine nazifeindliche Gesinnung. Im Urberacher Süden halten Straßen die Erinnerung an ihren Mut wach. Dort gibt es seit Mitte der fünfziger Jahre auch die Klausnerstraße. Doch einen NS-Gegner mit diesem Namen kennt weder der gute alte Brockhaus noch das Internet.

Wen ehrte die Gemeinde Urberach vor mehr knapp 60 Jahren mit der Klausnerstraße?, überlegte Sturm, als eine Runde alter Orwischer sich über Widerstandskämpfer im Dritten Reich unterhielt. Nach langem Suchen stieß der 88-Jährige auf Erich Klausener und kam zu der Erkenntnis, dass das Schild falsch ist. Denn Erich Klausener passt ins - modern formuliert - Anforderungsprofil für eine Straßenbenennung in direkter Nachbarschaft zu Goerdeler und den Geschwistern Scholl.

Einer der Köpfe des politischen Katholizismus

Erich Klausener gehörte zu den Spitzenbeamten des Innenministeriums der Weimarer Republik und galt Anfang der dreißiger Jahre als einer der Köpfe des politischen Katholizismus, schreibt Andreas Schwegel im Geschichtsportal des Landschaftsverbandes Rheinland. Nach Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 verteidigte er katholische Verbände gegen Verunglimpfungen und Angriffe der Nationalsozialisten. Ein kritische Rede beim Märkischen Katholikentag am 24. Juni 1934 bedeutete sein Todesurteil: Reichsmarschall Hermann Göring persönlich setzte den populären Kirchenmann auf eine Todesliste. Sechs Tage später ermordete ihn ein SS-Kommando.

Kein Wunder also, dass Erich Klausener in den Augen von Karl Sturm ein würdiger Straßennachbar von Carl Friedrich Goerdeler und den Scholl-Geschwistern wäre.

Wurzeln in der älteren Siedlungsgeschichte

Die Theorie, mit der Norbert Cobabus vom Heimat- und Geschichtsverein den Namen Klausnerstraße begründet, hat ihre Wurzeln in der älteren Siedlungsgeschichte: Ein Klausner ist ein Mensch, der in einer Klause ein abgeschiedenes Leben führt. Früher traf das auf Mönche zu, doch die gab’s in Urberach nicht. Cobabus setzt Köhler und Waldarbeiter, die bis ins 19. Jahrhundert dort in Hütten hausten, den Klausnern gleich. Ähnliche Argument führt auch der Rodgauer Heimatforscher Uwe Müller-Klausch für die Benennung der Klausner Straße in Jügesheim an.

Unterstützung bekommt Karl Sturm von unverdächtiger Seite: Der Falk-Straßenatlas „Rhein-Main/Frankfurt“ führt die stille Seitenstraße als Klausenerstraße. Da habe sich ein historisch Bewanderte Redakteur wohl etwas gedacht, frohlockt Sturm.

Quelle: op-online.de

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