Kleiderkammer schließt

Das letzte Hemd wird eingepackt

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Bis zuletzt haben die Caritas-Frauen im alten Ober-Röder Feuerwehrhaus Kleidung sortiert. Die Reste geben sie an den Kleiderladen weiter, den das Rote Kreuz Ende August in der Dieburger Straße eröffnen will.

Ober-Roden - Vorsichtig geschätzte 450 Tonnen Jacken, Hosen, Hemden, Röcke und Pullis haben Renate Heuer, Maria Rosskopf, Eva Christ, Margit Bach, Rita Kugler, Helga Paulsen und Gerda Höhle seit 1988 in Empfang genommen, sortiert, aufgehängt und größtenteils wieder ausgegeben. Von Michael Löw

25 Jahre managten sie ehrenamtlich die Kleiderkammer der Caritas. Jetzt ist Schluss damit, denn ab Ende August kümmert sich das Rote Kreuz um Kleidung für Bedürftige. Angefangen haben Damen, die aus dem Familienhelferinnen-Kreis der Caritas kommen, in einem ehemaligen Pferdestall in der Darmstädter Straße. Von dort zogen sie quer durch die Stadtteile: in die Mehrzweckhalle Ober-Roden, in die Keller des Sozialrathauses in Urberach und des St. Nazarius-Kindergartens und 1994 schließlich in das alte Ober-Röder Feuerwehrhaus.

Hemden, Blusen, Pullis, T-Shirts und Hosen haben Renate Heuer und ihre Mannschaft zuletzt für 50 Cent verkauft. Anzüge oder Kostüme kosteten 2,50 Euro, Wintermäntel oder Lederjacken gingen für drei Euro weg. Unterwäsche gab’s gratis dazu. Renate Heuer: „Die Leute sollten immer ordentlich angezogen aussehen.“ Der symbolische Preis ließ die Kunden nie als Almosenempfänger dastehen. „Trotzdem haben sich die Leute manchmal geschämt. Das hat die Sache für uns schwierig gemacht“, berichtet Eva Christ. Vor allem Menschen, die von Minirenten ein paar Euro über dem Sozialhilfesatz leben mussten, war der Gang in die Kleiderkammer peinlich. Hier hatten die Caritas-Damen dann Hilfe im Verborgenen geleistet.

Eine alte Frau ist ihnen über die Jahre ans Herz gewachsen. Sie hat fast vor Scham geweint, wenn sie etwas holte. Bedankt hat sie sich oft mit Äpfel aus ihrem Gärtchen. Gelegentlich mussten die Helferinnen über ein Dankeschön schmunzeln. Obdachlose revanchierten sich schon mal mit einer Packung Weinbrandbohnen für die neue Jacke. Auf die Männer von der Straße lässt Renate Heuer nichts kommen: „Die waren immer sehr nett und haben nur soviel mitgenommen, wie sie auch brauchten. Da hat niemand was an andere weiter verhökert!“

Anfangs kleideten sich vor allem bosnische Bürgerkriegs-Flüchtlinge und Russlanddeutsche bei der Caritas ein. Zuletzt bildeten türkische Großfamilien und Menschen aus den aktuellen Krisengebieten unseres Globus das Klientel. Sie gingen alle mit vollen Tüten. „Wir waren nie in der Verlegenheit, dass wir etwas nicht hatten“, lobt Margit Bach die Gebefreudigkeit der Rödermärker. Oft genug standen Witwen mit Tränen in den Augen bei ihnen und gaben mit dem Lieblingsanzug des Verstorbenen auch viele Erinnerungen ab. Da waren die Caritas-Frauen als Trösterinnen gefragt.

Ein Vierteljahrhundert Kleiderkammer bescherte ihnen aber auch so manches Frusterlebnis. Immer wieder passierte es, dass vermeintlich großzügige Spender die Kleiderkammer mit der Müllabfuhr verwechselten. Besonders schlimm war’s nach dem Großbrand in der Seligenstädter Straße, der im Dezember vorigen Jahres drei Familien obdachlos machte. Über sie, die Kirchengemeinden und den Sozialen Dienst der Stadt schwappte eine Woge der Hilfsbereitschaft.

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Die meisten Sachen waren brauchbar. Doch Renate Heuer hatte in einer Ecke der Kleiderkammer auch einen Tisch der Unverschämtheiten aufgebaut. Ein Topf mit angebrannten Essensresten war das traurige Glanzstück dieser Ausstellung. 2007 hatte die Stadt die Damen beim Ehrenamtstag ausgezeichnet. Am letzten Tag kam der gesamte Magistrat mit der Caritas-Spitze vorbei und dankte mit Blumen für 25 Jahre Sozialarbeit und die Spenden aus dem Kleiderverkauf, die Schulfördervereinen und anderen sozialen Organisationen zugute kamen.

Die Helferinnen hätten’s nie laut gesagt: Aber ein bisschen öffentliche Anerkennung hätten sie sich nicht erst zu ihrem Abschied gewünscht. Umso mehr freute sie das Lob, das Ursula Roebuck mit ihrem letzten Kleidersack vorbeibrachte: „Es ist schade, dass Sie aufhören“!

Quelle: op-online.de

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