Armut trieb den Gärtnern Mitglieder zu

+
Die Kutschfahrten mit Patrick Knapp auf dem Bock sind alle Jahre einer der Renner beim Sommerfest am Erlenwald.

Urberach (chz) - 80 Jahre ist der Kleingärtnerverein Am Erlenwald alt. Diesen Geburtstag feierten die Gartenfreunde am Wochenende mit einem Sommerfest, das seinem Namen mit zunehmender Dauer auch gerecht wurde.

Am 24. April 1932 gründeten 15 Urberacher einen Obst- und Gartenbauverein: Hans Rees, Martin Groh, Johann Walz, Josef Fischer, Peter Jäger, Michael Sterkel, Peter Herdt, Adam Frank, Carl Fischer, Martin Wolfenstädter, Adam Gensert, Johann Schwarzkopf, Martin Schrod, Georg Schmidt und Johann Adam Schrod. Im Mai wurde der erste Vorstand unter der Führung von Hans Rees gewählt, der eine Satzung ausarbeitete, Beiträge festsetzte, Verhandlungen um ein Gelände führte und ein Vereinslokal suchte.

Auf gepachtetem Land am Erlenwald wurden bald schon die erste Obst- und Gemüse-Ausstellung ausgerichtet und ein Erntedankfest gefeiert. Der Beitrag betrug damals 10 Pfennige. Bei der ersten Generalversammlung im Januar 1933 wurde der Kassenbestand mit 41,45 Mark angegeben und das Einzäunen des Geländes beschlossen, die Anschaffung einer Spritze zur gemeinsamen Schädlingsbekämpfung, Besichtigungsfahrten in Gärtnereien, Sammelbestellungen des Saat- und Düngegutes und vieles mehr. Doch im Juni, wenige Monate nach Hitlers Machtergreifung, gab die Gleichschaltung dem Vereinsleben eine andere Richtung, statt des Vorstands befahl der eingesetzte „Vereinsführer“, was zu tun ist.

Gärtnerleben im Krieg nicht möglich

Bis zum Kriegsende 1945 war ein Gärtnerleben fast ausgeschlossen. Es fehlten nicht nur die Familienväter, sondern auch Geld, Zeit und Interesse an der Vereinsarbeit. Nach dem Krieg standen die Erlenwädler praktisch vor einem Nichts, sie machten sich aber gegenseitig Mut, spornten sich an und halfen einander.

Obwohl nur 72 Gärten zur Verfügung standen, wuchs die Mitgliederzahl auf 200 an - eine Folge der allgemeinen Armut und des Gefühls, nur gemeinsam stark zu sein. Diese Zahl nahm nach der Währungsreform und in den Wirtschaftwunderjahren langsam wieder ab, in den 50er Jahren waren sogar Gärten zur Vergabe frei. In den frühen 60er Jahren wurde der Bau eines Vereinshauses beschlossen. Bei der Finanzierung halfen „Bausteine“, die von Mitgliedern gekauft und später zurückgezahlt werden sollten.

Der ständig steigende Lebensstandard Ende der 60er-, Anfang der 70er Jahre brachte es mit sich, dass aus den Nutzgärten nun Stätten der Erholung und Freizeitgestaltung wurden. Die ersten Hütten aus Stein wurden gebaut, Rasenflächen und Sandkästen für die Kinder angelegt. Die Nachfrage nach Gärten wurde größer und der Wechsel der Mitglieder geringer.

Gewachsene Gemeinschaft

Am Erlenwald entstand eine Gemeinschaft, die sich das Ziel setzte, die Anlage zu verschönern und gemeinsam am Leben der Ortsvereine teilzunehmen.

Und so stellt sich der Verein auch im Jahr seines 80. Geburtstag dar: Als gewachsene Einheit über Kerb, Umzüge und vieles mehr eng ins Urberacher Geschehen eingebunden und mit einem Angebot an alle, sich auf wenigen Quadratmetern Boden vom Stress des Alltags zu erholen.

Seinen Geburtstag beging der Verein nicht anders als in den vielen Jahren zuvor auch, und der Mut, mitten in den Ferien zu feiern, wurde weitgehend belohnt. War das Lagerfeuer am Freitagaend noch etwas wettergeplagt, so wurde es spätestens zur heiß begehrten Kutschfahrt und zu den Kinderspielen wieder sonnig; der Tanzabend bei DJ-Musik und leckeren Speisen und Getränken wurde zum Sinnbild der Gemeinschaft im Verein. Auch traditionell: der Sauerbraten mit Kartoffelklößen und Rotkohl mit Apfelstückchen am Sonntagmittag.

Üppige Blumenpracht dank des schlechten Sommerwetters

Vorsitzender Johannes Süß sieht der Zukunft positiv entgegen: „In letzter Zeit fragen wieder vermehrt junge Leute nach einem Garten an – die Zeit ähnelt jener der end-sechziger Jahre. Mit den Kindern unterwegs sein war damals wie heute teuer, also nutzt man den eigenen Garten, pflanzt auch mal etwas zur Verwertung an, was ja auch dem Zeitgeist entspricht.“

Petrus hatte Einsehen mit den Kleingärtnern: Beim Lagerfeuer zur Eröffnung des Sommerfestes regnete es zumindest nicht durchgehend.

Ein Problem ist dagegen die Fortführung des Vereins auf dessen momentan hervorragenden baulichen und finanziellen Stand. Vor allem die überbordende Bürokratie schreckt viele Interessierte ab, sich im Vorstand zu engagieren. Das Wetter wiederum war in diesem Jahr nicht gerade kleingärtnergeeignet. Man sah es vor allem an den Erdbeeren und jetzt an den Tomaten, die alle unter Braunfäule leiden. Dafür ist die Blumenpracht dank des vielen Regens ausgesprochen üppig – ein Spaziergang durch die Anlage empfiehlt sich.

Quelle: op-online.de

Kommentare