Kontrolle der Technik bestimmt die Frühschicht im Badehaus

Auch die Chemie muss stimmen

Urberach - „So wie Sie schaffen, möchte ich mal Urlaub machen!“ Diesen Kalauer kriegt Schwimmmeister Claudius Lamprecht alle paar Wochen zu hören. Meist von Gelegenheitsschwimmern, die erstmals ins Badehaus kommen. Wir haben den 56-Jährigen eineinhalb Stunden beim Frühdienst begleitet und viele Werkzeuge, aber keine sonnengebräunten Bikini-Schönheiten gesehen. Von Michael Löw 

Sein Spiegelbild im Wasser des Schwimmerbeckens ist lange Zeit das einzige menschliche Gesicht, das Claudius Lamprecht während seines Frühdienstes sieht.  

Der Arbeitstag von Claudius Lamprecht beginnt morgens um sieben. Donnerstags, wenn das Badehaus Frühschwimmen anbietet, gar schon um sechs. Dann schaut sich der Schwimmmeister erst einmal die Technik an: Sind alle Leitungen dicht? Stimmen die Füllmengen von Chlor und anderen Chemikalien wie dem Flockungsmittel? Das macht unsichtbare Schmutzpartikelchen im Wasser sichtbar, indem es sie nach dem Schneeball-Prinzip zu Kügelchen formt, die der Filter heraus holt. Im Badehaus-Becken schwimmt aber auch gröberer Schmutz wie Kaugummis, Reste von Papiertaschentüchern, Pflaster oder ganze Haarbüschel. Die Drecksarbeit erledigt Lamprecht ebenfalls während der ersten halben Stunde mit einem Sauger; die Gäste sollen schließlich in ein blitzblankes Schwimmbad eintauchen. Schließlich wirbt die Stadt mit dem Slogan „Ein Tag Urlaub vor der Haustür!“

Zu Lamprechts arbeitsreichem Frühdienst gehört auch das Wechseln der Chlorflaschen. Richtig dosiert desinfiziert Chlor das Wasser, aber es ist und bleibt nun mal ein giftiges Gas. Deshalb schaltet der Schwimmmeister vorm Betreten des gesicherten Chlorlagers die Sprinkleranlage scharf - das Wasser würde austretendes Gas sofort zu Boden drücken - und zieht sich eine Schutzmaske über den Kopf. „Der Schwimmmeister hat ein chlorreiches Leben“, ist noch so ein Spruch kalauender Badegäste.

Mindestens eine halbe Stunde braucht der Schwimmmeister, wenn er eine Chlorflasche wechselt. Gasmaske und scharf geschaltete Sprinkleranlage sind bei dieser Arbeit Pflicht.

Von denen hat Claudius Lambrecht eine dreiviertel Stunde nach Dienstbeginn immer noch keine gesehen, sondern hat nur ihr Wohl im Auge: ein prüfender Blick durch die Schwimmhalle, ob irgendwo eine Fliese gesprungen ist, und jeweils zehn Minuten pro Becken für die Kontrolle der Wasserqualität. Lamprecht und seine Kollegen müssen alle Messungen dokumentieren. Das Gesundheitsamt prüft penibel - und hat schon Bäder zugemacht, weil sich Bakterien und Keime im Wasser tummelten.

Gegen 8.15 Uhr begrüßt der Schwimmmeister normalerweise die ersten Besucher, mehrmals pro Woche Kinder aus den Rödermärker Grundschulen. „Geht"s Euch gut?“ kommt ihm um ein Vielfaches häufiger über die Lippen als die berühmt-berüchtigte Trillerpfeife an die Lippen.

„Die Kinder jammern gelegentlich, wenn ihnen das Märkchen für den Spind in einen Gully gefallen ist“, schildert Claudius Lamprecht die kleineren Nöte seiner Gäste. Aber er muss auch Kindern Erste Hilfe leisten, deren Kreislauf das feucht-warme Badehaus-Klima nicht vertragen hat, oder die trotz aller Warnungen auf dem glitschigen Boden ausgerutscht sind.

Lamprecht, der eigentlich Bäcker und Konditor gelernt hat und 2001 im Urberacher Hallenbad angefangen hat, schätzt an seinem Beruf, dass er nach den ersten 75 Minuten Frühdienst fast ständig Kontakt mit den Leuten hat. Bei laufendem Betrieb nimmt er die Schwimmprüfungen fürs Deutsche Sportabzeichen oder „Seepferdchen“ & Co. ab. „Und dann kommt noch der Rentner, der klagt, dass ihm seine Brille ausgerechnet im tiefsten Teil des Beckens von der Nase gerutscht ist!“ Da kann Lamprecht meist nur in einer stillen Stunde mit einem langstieligen Köcher helfen. Doch in 3,80 Metern Tiefe liegt eine Brille auch gut: Niemand taucht beim Springen so tief ein, dass er die Gläser kaputt tritt und sich verletzt.

Babyschwimmen im Badehaus Urberach

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: ©  Löw

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