Ingrid Noll zu Gast

Krimiautorin liest zum Auftakt des Bücherturm-Jubiläums

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13 Romane, mittlerweile in 27 Sprachen übersetzt: Ingrid Noll hatte auch beim Widmen ihrer Bücher stets ein paar persönliche Worte für die Frauen vor ihr.  

Ober-Roden - Vor 25 Jahren wurde die Stadtbücherei eröffnet, die die Ober-Röder wegen ihres markanten Anbaus liebevoll-spöttisch Bücherturm getauft haben. Stadt und Förderverein feiern das Jubiläum mit zahlreichen Veranstaltungen. Von Christine Ziesecke 

Zum Auftakt las Bestsellerautorin Ingrid Noll aus ihrem Krimi. Der 25. Geburtstag des Bücherturms beschert literaturinteressierten Rödermärkern einen üppigen Gabentisch. Ein erstes Glanzlicht setzte am Weltfrauentag der Freundeskreis der Stadtbücherei „Lesezeichen“: Ingrid Noll las im „Rothaha“-Saal aus ihrem Roman „Mittagstisch“. Ganz undamenhaft meucheln ihre Heldinnen unverzagt vor sich hin. Ingrid Noll ist eine der erfolgreichsten deutschen Krimiautorinnen, sagte „Lesezeichen“-Vorstandsmitglied Dr. Regina Schick bei der Begrüßung. Sie hat mittlerweile 13 Romane veröffentlicht, die in 27 Sprachen übersetzt wurden; die ersten wurden längst verfilmt. Schon 2005 bekam die Schriftstellerin den Glauser-Ehrenpreis – eine Art Krimi-„Oskar“. In den frühen 90er Jahren wurde die heute 82-Jährige mit ihren Erstlingen „Der Hahn ist tot“ und „Die Apothekerin“ zum Idol Tausender von Frauen, weil sie – eine bürgerliche „Durchschnittsfrau“ – ihre Protagonistinnen frisch, frech und ohne große Scheu das machen ließ, was viele Leserinnen sich nur in ihren kühnsten Träumen gewünscht hätten: ungeliebte oder störende Zeitgenossinnen aus dem Weg räumen, Nebenbuhlerinnen beseitigen, Rivalinnen um die Ecke bringen.

Das alles Entscheidende daran und damit wohl auch das typisch Weibliche an diesen Romanen: Es ist nicht die Lust am Zelebrieren des Todes, an der Tat an sich, am Mord in seiner Blutrünstigkeit, sondern es ist das „Entfernen“ der im Weg stehenden Mitmenschen. Nicht die Tat ist Ingrid Nolls Romanmittelpunkt, sondern das Opfer in seiner Beziehung zur stets präsenten Ich-Erzählerin. „Darum habe ich auch noch keine Romane um Männer im Mittelpunkt geschrieben, weil ich mich noch nicht traue, mich in sie als Ich-Erzähler hineinzuversetzen“, beantwortete die Autorin die Frage einer Zuhörerin.

Ingrid Noll „promotet“ derzeit ihren neuen Roman, den, wie schon aus der einen Stunde hervorgeht, wieder mal nicht alle Handelnden überleben. „Und es gibt noch mehr Leichen, als ich jetzt gelesen habe“, verspricht die alte Dame am Ende und schmunzelt in sich hinein. Ingrid Noll, die von vielen Leserinnen für ihren Mut bewundert wird, hat einen typisch weiblichen Werdegang hinter sich, der so recht zu den Hoffnungen des Weltfrauentages passt. Als kleines Kind hatte sie Fantasiefiguren wie eine erfundene Schwester in ihr Lebensumfeld eingesponnen und mit denen gelebt. Zu schreiben hat sie jedoch erst begonnen, als ihre eigenen drei Kinder aus dem Haus waren, und brauchte dann deren übrig gebliebenen Schulhefte auf.

Die Texte hat sie später mit der Schreibmaschine abgetippt, bis ihr Sohn ihr den ersten PC schenkte: „Mama, du kannst das, du bist nicht blöder als andere Leute!“ Und natürlich „konnte“ Ingrid Noll es, und der Computer wurde zur großen Erleichterung. Auf „klimakterische Fragwürdigkeiten“ wie in der Volkshochschule Sprachen lernen oder ähnliche Wechseljahraktivitäten konnte sie zugunsten des Schreibens verzichten. Warum gerade Krimis? „Schon die Vorfahren haben sich in ihren Höhlen Schauergeschichten erzählt, dann kamen die Märchen – es ist das Phänomen von Angst und Lust“, erklärt die Autorin. Und es ist das Phänomen, dass ungeliebte Zeitgenossen einfach beim Schreiben entfernt werden können…

OP auf der Buchmesse in Frankfurt: Bilder

Ingrid Noll geht ihre Romane langsam an, arbeitet je nach ihren Schaffensmöglichkeiten gezielt – auch heute noch, mit 82. Die Charaktere sind es, die sie zuerst im Kopf hat und deren Eigenheiten sie sammelt. Und wenn es einen zündenden ersten Satz dazu gibt: umso besser. Kausalitäten sind ihr wichtig, doch gerade die lassen sich heutzutage mit dem Internet wunderbar überprüfen.

Beim mörderischen „Mittagstisch“ macht schon das Sprachgewirr großen Spaß: Englisch von Vaters Seite, allerurigstes (Süd-)Hessisch vonseiten des Umfelds und dazu eine Prise Hochdeutsch waren ein wunderbares Vergnügen, das mehr Zuhörerinnen und Zuhörer genossen als Stühle im Bücherturm aufzutreiben waren. Die Frage, ob sie weiterschreibt, beantwortete Ingrid Noll mit einem ebenso entschiedenen wie kurzen „Ja!“. Denn er ist fast schon fertig, der nächste Roman, der „Halali“ heißen wird.

Ingrid Noll, „Mittagstisch“, Diogenes 2015. Taschenbuch 12 Euro, gebundene Ausgabe 22 Euro; Kindle- Hörbuch 8,80 Euro

Quelle: op-online.de

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