Kürschnermeister ist Sachverständiger

Experte für haarige Zweifelsfälle

+
Selbst Experten wie Wolfgang Beetz erkennen nicht immer auf Anhieb, ob ein Fell den Anforderungen des Washingtoner Artenschutzabkommens entspricht. Dann hilft ein Blick in die über die Jahre gesammelten Aufzeichnungen der Pelztiere.

Ober-Roden - Was ist Omas Persianer aus der Wirtschaftswunderzeit wert? Darf ich mit einem Mantel aus Jaguarfell guten Gewissens auf die Straße gehen? Ist dieser oder jener Pelz wirklich echt? Wenn haarige Fragen geklärt werden müssen, ist das Wissen von Wolfgang Beetz gefragt. Von Michael Löw 

Der Kürschnermeister aus Ober-Roden ist vereidigter Sachverständiger. Wolfgang Beetz arbeitet seit 1974 in der Kürschnerei. Vor drei Jahren bewarb er sich bei der Handwerkskammer Rhein-Main als Sachverständiger, bestand diverse Prüfungen und erstellt seither jährlich 12 bis 15 Gutachten. Die Beurteilung angeblich schlampiger Reparaturen ist Alltagsarbeit für ihn. Denn ein Gutachter muss im Kürschnerhandwerk aktiv sein, damit er immer auf dem Stand der Technik ist. Das gilt übrigens nicht nur für Pelze und Häute, sondern auch für die Maschinen. „Wie soll ich denn sonst einen Verarbeitungsfehler erkennen?“, erklärt er verwunderten Fragestellern.

Weit interessanter als Reparatur-Expertisen sind für Wolfgang Beetz die Anfragen vom Zoll am Frankfurter Flughafen. Dessen Beamte klären nämlich am Reisenden oder im Koffer, ob zweibeinige Pelzträger das Washingtoner Artenschutzabkommen einhalten. Das hat die Jagd auf viele vierbeinige Pelzträger verboten: Jaguare dürfen seit 1976, Ozelote seit 1980 nicht mehr wegen ihrer Haut erlegt werden. Mäntel, Jacken und Mützen, die vorher hergestellt wurden, dürfen dagegen getragen und verkauft werden - sofern als Altersnachweis die so genannte „Cites“-Bescheinigung vorliegt. Fehlt sie, kassiert der Zoll die Kleidungsstücke ein und fordert ein Gutachten von Wolfgang Beetz an.

Geldstrafen von bis zu 50.000 Euro

Der Fachmann aus Ober-Roden prüft anhand einer langen Liste, ob eine Raubkatze vor oder nach ihrer Unterschutzstellung das Leben ließ. Beetz’ erster Blick gilt der Beschaffenheit des Leders: Das fängt sich im Lauf der Jahre an zu zersetzen. Eindeutige Hinweise liefern oft auch Stempel von Gerbern oder Veredlern, weil viele von denen schon lange vor 1974 ihr Geschäft aufgegeben haben. Indiz Nummer drei sind Zuschnitt und andere modische Eigenschaften. „Darf ich meinen Pelzmantel nicht mehr tragen?“ wird Beetz immer gefragt. Oft antwortet er wie Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber... Alte Mäntel sind eigentlich kein Problem. Doch das Umfeld des Frankfurter Flughafens ist Zollgrenzbezirk, und da kann man schon mal in eine Kontrolle geraten. Die Strafe für einen geschützten Pelz ohne Papiere kann je nach Tier bis zu 50.000 Euro betragen.

Manche rechtmäßige Pelzbesitzer gehen deshalb auf Nummer sicher und verkaufen das gute Stück - oft nach Russland. Dort bringt ein gut erhaltener Jaguar-Mantel mit „Cites“-Zertifikat zwischen 5000 und 8000 Euro. Und kein Zöllner fragt nach der Herkunft. 2012 half ein Gutachten aus Ober-Roden dem Zoll, ein recht „junges“ Leopardenfell mit Kopf als solches zu identifizieren. Gekauft wurde das Teil über das Internet, ohne nachzufragen, ob Papiere, sprich: die „Cites“, vorhanden ist. Die Besitzerin musste 15.000 Euro Strafe zahlen. Das Geld macht die Raubkatze zwar nicht mehr lebendig, doch sein Verlust schmerzt hoffentlich die Freundin zähnefletschender Dekorationsobjekte.

Diese Stars ziehen sich für Tiere aus

Diese Stars ziehen sich für Tiere aus

Je schärfer die Kontrollen der Behörden, desto einfallsreicher die Tricks unseriöser Geschäftemacher: Das Fell des streng geschützten Eisfuchses - weiß, wie der Name vermuten lässt - wird kurzerhand gefärbt. Dann erkennt auch ein gut ausgebildeter Zollbeamter seine Herkunft nicht mehr. Zu den Fällen, über die Wolfgang Beetz im Nachhinein schmunzelt, gehört der Streit zwischen einer Damenoberbekleidungs-Näherin und ihrem Chef. Die Frau litt bei ihrer Arbeit an Atemnot und bekam Hautausschläge. Sie machte die Chemikalien, mit denen die Felle gegerbt waren, dafür verantwortlich. Doch nach eingehender Prüfung war klar: Sie hatte ein Feld-Wald-Wiesen-Allergie wie Tausende von Menschen, die noch nie eine Kürschnerei betreten hatten.

Federführend hat Wolfgang Beetz das „Öko-Tex 100 Zertifikat“ für Fellaccessoires entwickelt und erstellt. Dies ist weltweit einmalig und garantiert, dass keine schädlichen Chemikalien in dem Produkt Fell vorhanden sind. Ebenfalls steht Beetz mit seinem Namen hinter dem Label „OA“ (Origin Assured). Es weist klar die Herkunft beziehungsweise Zucht der Felle nach. Und um endlich die Frage nach Omas Persianer zu beantworten: „Da kann man nur von Individualwert reden“, sagt Gutachter Wolfgang Beetz höflich und meint eigentlich, dass die Erinnerung an einen lieben Menschen wertvoller ist als ein alter Mantel, der in den sechziger und siebziger Jahren im Schrank jeder Frau hing, die etwas auf sich hielt.

Quelle: op-online.de

Kommentare