Gäste in der Kulturhalle

Stars sind bescheiden

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Jörg Seitel, der technische Leiter der Kulturhalle (links), sowie Rita Bien und Stefan Riedel vom Kulturbüro blättern durch ein Gästebuch der besonderen Art: die Autogrammkarten, die die Künstler oft mit langen Widmungen versehen haben.

Ober-Roden - Schauspiel-Ikonen wie Inge Meysel oder Joachim Fuchsberger, Theatergrößen wie Karl-Heinz Martell oder Grit Böttcher, der dschungelcamperprobte Fernsehkommissar Wilfried Glatzeder: Sie alle standen schon auf der Bühne der Kulturhalle und waren pflegeleichte Gäste. Von Michael Löw

„Die Künstler sind sehr zufrieden, loben die gute Technik und die persönliche Betreuung“, erzählt Hausherr Gregor Wade, der Leiter des städtischen Fachbereichs Kultur, Vereine und Ehrenamt. Unzählige Autogrammkarten mit oft langen Widmungen zeugen vom innigen Verhältnis. Die wirklich Großen haben Wade und seine Mannschaft als bescheiden erlebt. Möchtegern-Größen machen dagegen schon mal auf dicke Hose und geben nicht eher Ruhe, bevor ihr linksdrehender Lieblingsjoghurt auf dem Schminktisch steht. Ein Mann mit Ecken und Kanten ist Schauspieler Gerd Silberbauer („Blauer Engel“). Aber nur, wenn er eine entsprechende Rolle übernommen hat. Sobald der Vorhang gefallen ist, kommt er „sehr, sehr sympathisch rüber“, berichtet die Leiterin der Fachabteilung Kultur, Rita Bien, von einer Begegnung, die hängen geblieben ist.

Die Künstler reisen meist am Vorstellungstag zwischen 18 und 18.30 Uhr an. Nach einem kurzen Rundgang durch die Kulturhalle ziehen sie sich in die Garderobe zum Schminken zurück. Dann verschwindet der Mensch, und ein Darsteller betritt die Bühne. Wade, Jörg Seitel, Rita Bien und Stefan Riedel gehören zu den wenigen, die beide Gesichter kennen. Noch bescheidener als die großen Schauspieler sind - notgedrungen - die vielen namenlosen Musiker und Tänzer von Konzerten, Operetten oder Musicals. Gregor Wade mag zwar nicht von brotloser Kunst sprechen, merkt aber immer wieder: „Diese Leute sind hungrig und freuen sich über unsere Lunchpakete.“ Verlangt die Agentur einen Parkplatz für ihren Nightliner, heißt das: Das meist osteuropäische künstlerische Fußvolk schläft im Bus, denn die Hotelübernachtung ist zu teuer.

Rockband mit sechs Flaschen Whisky

Die Agenturen spüren, dass ihre Auftraggeber wie die Stadt Rödermark finanziell oft mit dem Rücken zur Wand stehen. Operetten dürfen höchstens 15.000 Euro kosten. Dirigenten und Solisten können von ihrem Anteil noch ganz gut leben. Dem Klarinettisten im Orchestergraben aber bleiben pro Abend vielleicht 30 bis 50 Euro. Kein Wunder also, dass Musiker das Catering der Kulturhalle zu schätzen wissen. Rita Bien ist die Fachfrau dafür. Ein paar Tage vor der Show findet sie in ihren E-Mails wie diese Einkaufsliste: „15 weiße Brötchen gemischt, 15 Körnerbrötchen gemischt, 4 Becher Fruchtjoghurt 1,5 %, 1 Salami am Stück (zum Beispiel Aoste), 20 Eier, 1 Packung Speck in Scheiben“. Die Verpflegung - egal, ob für Helfer oder Akteure - ist bis ins Kleinste geregelt.

Manche Künstler bringen sogar einen eigenen Koch mit. Andreas Pfefferlein belegte für den Aufbau-Trupp der „Beatles“-Show kalte Platten und kochte Gulasch. Abends hatten Musiker und Sänger die Wahl zwischen Hähnchenbrust mit Spätzle oder gebratenem Lachs mit Zitronen-Weißwein-Soße.

Immerhin: Kochen muss das Kulturhallenteam nicht. In manchem Künstlertross reist ein Koch mit. Andreas Pfefferlein ist so einer und lobt die Ausstattung der kleinen Küche hinter der Bühne: „Dass ich hier eine Spülmaschine habe, ist die Ausnahme!“ Anderswo erledigt Pfefferlein den Abwasch von Hand in der Garderobe oder im Tourneetruck. Eine Rockband hatte zum Entsetzen von Technikchef Jörg Seitel „richtig Stoff auf ihrer Liste gehabt“: sechs Flaschen Whisky, drei Flaschen Rotwein, eine Kiste Bier. Während der Show blieben die Musiker trocken, die Party auf Kosten der Stadt stieg nachts im Hotelzimmer. Ob und wann die Künstler einen heben, ist nirgendwo geregelt. Ganz anders sieht"s bei den Helfern für Auf- und Abbau aus, die die Kulturhalle den Agenturen zur Verfügung stellt. „Qualifiziert, deutschsprachig, ausgeruht und nüchtern“ mussten die sechs Männer sein, die vor einigen Wochen bei einer Musical-Show die Kulissen schoben. Für zwei schrieb die Agentur explizit schwarze Kleidung vor, einer muste 250 Euro für kurzfristige Besorgungen einstecken haben. Das Kulturhallenteam meistert diese Herausforderungen souverän. Das würdigt nicht nur das Hessen-Fernsehen, das 2015 zum dritten Mal hintereinander zwei Fastnachtssendungen aufzeichnet. Auch etliche Agenturen haben Ober-Roden seit Jahren auf ihrem Tourneeplan stehen.

Quelle: op-online.de

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