Gebäudeschäden sind beseitigt, die Wunden der Seele heilen nur ganz langsam

Rödermark: Brandnacht erlaubt kein Vergessen

Das Dach ist längst wieder dicht. Doch die Wohnung, in der das Feuer ausbrach, bleibt erst einmal leer.
+
Rödermark: Das Dach ist längst wieder dicht. Doch die Wohnung, in der das Feuer ausbrach, bleibt erst einmal leer.

Ende Juli bricht in einem Mehrfamilienhaus in Rödermark nachts ein Feuer aus. Der Mieter des Dachgeschosses stirbt, die Eigentümer verlieren ihre Wohnung und müssen 150 Tage in einer städtischen Notunterkunft leben. Seit Weihnachten sind sie zurück, doch Sorgen bleiben. Und die Bilder der Brandnacht werden Edeltraud und Ralph Anthes sowieso niemals vergessen.

Rödermark - Gut sechs Monate nach dem verheerenden Großbrand in der Friedrich-Ebert-Straße ist die Welt von Edeltraud und Ralph Anthes offenbar wieder im Lot. Das Dach des Dreifamilienhauses ist neu gedeckt, die Fassadenschäden sind ausgebessert, die Wohnung im ersten Stock strahlt - wie man so gern sagt – in frischem Glanz, und an der Treppe ist ein neuer Lift installiert, der Edeltraud Anthes nach oben transportiert. Auch was ihr Mann sagt, klingt im Prinzip gut: „Ich habe meine Rauchvergiftung überwunden.“

Aber jetzt kommt das Aber: Stinkender Qualm drang in der Nacht zum 31. Juli in Ralph Anthes" Lunge. Da versuchte er, den Mieter der Dachgeschosswohnung, in der das Feuer ausgebrochen war, zu retten. Vergeblich – der Mann starb wenig später in einer Spezialklinik.

Doch bleiben wir zunächst bei den positiven Aspekten des vergangenen halben Jahres. Die Stadt hatte schnell ein rollstuhlgerechtes Notquartier für das Ehepaar gefunden. Hans-Dieter Scharfenberg von der Gemeinschaft für präventiven Gesundheitssport, Dr. Ulrich Wasner vom Lions Club Rodgau/Rödermark und die Kirchengemeinde St. Nazarius stellten eine Hilfsaktion auf die Beine, die 14 000 Euro und etliche Sachspenden erbrachte. Anfang Oktober schließlich bekamen Edeltraud und Ralph Anthes das Okay ihrer Versicherung. Sie durften mit der Beseitigung der anfangs auf 300 000 bis 400 000 Euro geschätzten Schäden beginnen.

„Was wir da hatten, war ein Rohbau mit Fenstern“, beschreibt Ralph Anthes den Zustand des Elternhauses seiner Frau. Putz und Tapeten fielen von den Wänden oder wurden entfernt. Wochenlang liefen Trockner, um das Löschwasser aus dem Estrich zu holen. Fast alle Möbel mussten zum Sperrmüll – sechs Fuhren zu je drei Kubikmeter haben die Kommunalen Betriebe abgeholt. „Uns sind nur zwei Schränkchen geblieben, die wir neu angemalt haben“, zeigt Anthes in eine Ecke des Wohnzimmers.

Noch haben seine Frau und er keinen Überblick, was die Renovierung bisher gekostet hat und noch kosten wird. Aber die Sorgen fangen schon wieder an. Kurz nach dem Wiedereinzug haben sich im Flur die ersten Tapeten gewellt. Der Maler besserte nach, doch an einigen Stellen hat der Handwerker wieder aufgegeben.

Die Schäden am Gebäude lassen sich früher oder später beheben. Aber die in den Köpfen des Ehepaares Anthes? Der Mann ist immer noch in psychologischer Behandlung und kann nur drei Tage pro Woche arbeiten. Zwei Dinge gehen ihm nicht aus dem Kopf. Mit schwersten Verbrennungen torkelte der Nachbar auf der Treppe an ihm vorbei. Da sah Ralph Anthes schon, dass seine Überlebenschance minimal war. Und als er selbst im Hof war, ließ ihn die Feuerwehr nicht mehr in das brennende Haus, um seine Frau zu retten, der Jahren zuvor das rechte Bein amputiert worden war. Zum Glück hatte der Sohn Edeltraud Anthes’ Rollstuhl auf den Treppenlift bugsiert und den nach unten geschickt, wo die Frau von der Feuerwehr endgültig in Sicherheit gebracht wurde. Auch sie musste am sterbenden Nachbarn vorbei.

Dessen Wohnung lassen Edeltraud und Ralph Anthes nur so weit wieder herrichten, dass von ihr keine Gefahr für das restliche Haus mehr ausgeht. Für eine gründliche Renovierung haben sie kein Geld. Und sie wissen nicht, ob jemals wieder ein Mieter in ein Dachgeschoss einziehen will, in dem ein Mensch verbrannte... (Michael Löw)

Rödermark: Auf den ersten Blick scheint alles wieder in Ordnung. Aber das Blättern im Versicherungsordner macht Edeltraud und Ralph Anthes ebenso Kummer wie Tapeten, die trotz Nachbessern von einigen Wänden blättern.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare