Lagerfeuer im Zimmer

Urberach (chz) ‐ Sechs Rödermärker unterschiedlichen Alters erinnerten sich im Nedelmann‘schen Wohnzimmertheater ihrer Kindheit in Urberach, Ober-Roden, Messenhausen und Waldacker. Sie trugen überwiegend Heiteres, Spitzbübisches, trocken Lakonisches und wunderbar Bodenständiges vor.

Marga Frank-Schwarz

Eine Ausnahme bildete - 71 Jahre nach der so genannten Reichskristallnacht - die Erzählung der heute 75-jährigen Marga Frank-Schwarz. Aus dieser Nacht stammt ihre früheste Erinnerung: Wie viele Kinder hatte die kleine Marga einen bunten glitzernden Stein vor einem verwüsteten Haus aufgelesen und als Schatz mit nach Hause genommen hat. Erst viel später war ihr gewusst geworden, dass es sich um ein Glasstein aus dem Leuchter einer jüdischen Familie gehandelt hatte, deren Wohnung der braune Mob demoliert hatte. Marga Frank-Schwarz‘ Tante lag derweil im Bett darnieder - die Gräuel jener Nacht hatten einen Herzanfall verursacht.

Musikalisch umrahmt von Klarinettistin Britta Sauer, hatte es außer den Erinnerungen von Marga Frank-Schwarz an die furchtbarste Zeit der Urberacher Geschichte zuvor allerdings ausschließlich fröhliche Episoden aus dem kindlichen Erleben in allen Ortsteilen gegeben. Die Jugend hatte angefangen.

Messenhausener brauchen kein Handy

Rahel Sauer

Rahel Sauer (11) las den Bericht ihrer erkrankten 13-jährigen Schwester Merle vor. Sie genoss das ländliche Umfeld mit dem benachbarten Pferdehof „Aquita“, mit dem russischen Aupair-Mädchen Anna und den Laternenumzügen in der Kita Liebigstraße, mit Blumensuppe aus dem eigenen Garten, mit Turnen bei Michele vom MTV und mit Klavierunterricht in der Musikschule. Computer und Handy waren lange Zeit außen vor. Wer brauchte das schon, wenn er in Messenhausen groß wurde!

Julian Kießling

„Das Leben des Julian im winzigen Waldacker“ - mit herrlichem Witz und gesunder Distanz eines inzwischen 23-Jährigen erzählte Julian Kießling von Freuden im Wald und im Kindergarten Amselstraße, vom eher gewöhnungsbedürftigen Radfahren ohne Stützräder, von der Scheibe Gelbwurst beim damals noch offenen Tante-Emma-Laden und vom nächtlichen Testbild-Schauen, weil er aufs frühmorgendliche Kinderprogramm wartete. Jeder Zuhörer glaubte ihm seinen Schlusssatz: „Vielen Dank für die schöne Kindheit in Waldacker!“

Erinnerungen an ein Lagerfeuer im Wohnzimmer

Mit sehr viel Humor beschrieb auch Yelys Karademir, geboren 1978, ihre Kindheit zwischen Türkeibesuchen und Urberacher Heimat, zwischen Spielen auf der Straße und selten Zuhause sein: „Es war einfach nur toll!“ Mit ihrer Schwester genoss sie ihre Kindheit, deren Schwerpunkt dank ihrer Eltern auf guter Sprache und viel Sport lag. Dazu gehörte aber auch mal ein Lagerfeuer im gerade noch geretteten Wohnzimmer.

Christiane Murmann

Auf einem recht bodenständigen Grund war auch die Kindheit von Christiane Murmann verlaufen: Geboren wurde sie am Kerbmontag 1963, was damals noch ein echter Höhepunkt im Jahreslauf darstellte. Zwischen großelterlichem Hühnerstall und Nazarius-Kirche erlebte sie ihre ersten Jahre mitten im alten Ober-Roden. Kirchliche Feste versprachen Langeweile für Kinder - außer Fronleichnam, da war wenigstens etwas los. Die Mutter war Bankerin, „mein Vater war mit Leidenschaft Reisender für Jacobs Kaffee“, ihre beste Freundin Tochter einer Ober-Rodener Bäckerei - so gab‘s für Puppe „Kullertränchen“ sogar Torte zum Geburtstag.

Rita war seine erste Liebe

Roland Kern

Die Karriere des Roland Kern (62) war früh vorgezeichnet, hatten Omas und Tanten doch schon bei seiner Geburt festgestellt: der wird Fußballer, nein, Richter, nein „Borrjermoister“ - alles erfüllte sich, und die Kindheit in einem Mehrgenerationenhaus und in der väterlichen Druckerei in der Bachgasse haben seine Liebe zu seiner Heimat stark geprägt, und sogar seine erste Kinderliebe dabei hatte: Rita, mit der er noch nie zuvor unterwegs gewesen war.

Yelis Karademir

Die Idee zu dieser Lesung war beim Brückenfest geboren worden, und wenn es nach den Zuhörern der Premiere geht, wird es sicher weiter gehen - lebendige Erinnerungen gegen das Vergessen. Und nicht nur Wolfgang Geiken-Weigt, Leiter der Soziale Dienste in Rödermark, und Seniorenbeiratsvorsitzende Heinz Weber haben intensiv nachgedacht, wie man diese persönlichen Schätze auch anderen Menschen zugänglich machen kann - etwa als kleine Schriftenreihe.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Pauline / Pixelio

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare