Landesarchäologe geht in Ruhestand

Fast jedes Sandkorn umgedreht

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Gut Lachen hatte Professor Egon Schallmayer, als Bürgermeister Roland Kern frühe Exemplare der „Historischen Blätter“ auspackte, die Schallmayer in den achtziger und neunziger Jahren mit dem Heimat- und Geschichtsverein veröffentlicht hatte. Autor und Herausgeber achteten damals penibel auf den Ortsproporz: Hatte eins der Hefte ein Ober-Röder Thema beackert, musste sich das nächste mit Urberach beschäftigen.

Ober-Roden - Die menschlichen Gebeine, Münzen und Alltagsgegenstände, die Professor Egon Schallmayer von 1985 bis 1994 in Ober-Roden ausgrub, sollen wissenschaftlich aufgearbeitet werden.

Ein Promotionsstipendium, das die Stadt zum Ruhestand des Hessischen Landesarchäologen gestiftet hat, macht"s möglich. Gestern wurde Professor Egon Schallmayer (61) auch in seiner Heimatgemeinde aus dem Berufsleben verabschiedet. Bürgermeister Roland Kern erinnerte daran, dass der „echte Oweäirer Bub“ trotz internationaler wissenschaftlicher Reputation nie die Bodenhaftung verloren hatte. Was bei seinem Beruf, den er immer als ein Stück Berufung verstand, auch in anderer Hinsicht seltsam gewesen wäre.

Schallmayer deckte einige Geheimnisse auf

Dem Ober-Röder Boden entlockte Schallmayer zwischen 1985 und 1994 etliche Alltäglichkeiten und einige Geheimnisse. In dieser Zeit - aus Sicht des in Jahrtausenden denkenden Archäologen eher ein Klacks - spürte er Spuren auf, die auf eine Besiedlung der Röder Mark schon im sechsten oder siebten Jahrhundert hindeuteten.

Schallmayer und seine Teams gruben immer dann, wenn im Ortskern gebaut wurde. Als wahrer Glücksfall erwies sich die Renovierung der St. Nazarius-Kirche, bei der zwischen Pfarrgasse und Heitkämperstraße nahezu jedes Sandkorn umgedreht wurde. Die Wissenschaftler förderten unter anderem eine etwa 1 200 Jahre alte Bodenfliese zutage, deren Lamm-Gottes-Motiv sich unmittelbar dem Kloster Lorsch zuordnen ließ. Das „Kloster Rothaha“, das als Urzelle der Siedlungstätigkeit galt, hat also höchstwahrscheinlich in Ober-Roden gestanden.

Bürgermeister überrascht Schallmayer mit Promotionsstipendium

Schallmayer hat Ober-Roden „zu einem der wenigen systematisch erforschten Altorte“ kleinerer Städte gemacht. Ortskernarchäologie war lange eine Wissenschaft, die stiefmütterlich behandelt wurde. Dass das heute anders ist, schreibt Schallmayer nicht nur seiner Hartnäckigkeit zu, sondern auch dem damaligen Ersten Stadtrat Alfons Maurer: „In diese Ausgrabungen sind auch viel städtisches Geld geflossen!“

Bürgermeister Roland Kern überraschte Schallmayer gestern mit dem Promotionsstipendium. Die Stadt unterstützt einen Doktoranden, der die Funde vom Kirchhügel systematisiert, erläutert und aufbereitet, zwei Jahre lang mit monatlich 400 Euro. Schallmayers nunmehr Ex-Arbeitgeber Hessen-Archäologie übernimmt die Publikation der Ergebnisse. Und Schallmayer begleitet die Arbeit des Kandidaten, der er selbst aussuchen darf. 

Quelle: op-online.de

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