Im Lazarett Liebe auf ersten Blick

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Marie und Edmund Böffinger blättern auch nach mehr als 60 Jahren immer noch gern in den Briefen, die sie während seiner Kriegsgefangenschaft wechselten.

Urberach ‐ Der Kreis schließt sich: Anfangs pflegte Marie Brysch den schwer verletzten Soldaten Edmund Böffinger in einem Königsberger Lazarett. Heute kümmert sich der 88-Jährige ebenso aufopfernd wie liebevoll um seine Frau (87), die seit vorigen Herbst auf den Rollstuhl angewiesen ist. Von Michael Löw

Es war einer von vielen Schicksalsschlägen, die die Böffingers in 60 Jahren Ehe trafen. Trotzdem wollen sie morgen ihre Diamantene Hochzeit feiern: um 9 Uhr mit einem Dankgottesdienst in der St. Gallus-Kirche und danach in der Halle Urberach. Das Lächeln ist Mariechen und Edmund Böffinger nämlich nicht vergangen. Geheiratet haben sie am 18. April 1950. Erstmals begegnet sind sie sich schon im März 1944. Eine russische Kugel hatte Edmund Böffingers Rücken durchschlagen, vier Stunden lag er bei 40 Grad unter Null im Schnee, bevor Sanitäter ihn vom Schlachtfeld holten. Vorübergehend war er gelähmt. Das war der erste Eindruck, den die oberschlesische Krankenschwester von ihm hatte. Dennoch sagen beide, dass es Liebe auf den ersten Blick war. Bei Bombenangriffen schleppte die zierliche Frau Böffinger und andere Verwundete in den Keller.

Mühsam wieder aufgepäppelt, schickte die Wehrmacht Edmund Böffinger zurück an die Ostfront. Er ist sicher: Ein hitlertreuer Soldat im Bett neben ihm hatte verraten, dass Böffinger den Krieg für verloren hielt. Sein Mariechen hatte den aufrechten Urberacher vergebens angefleht, doch den Mund zu halten.

Liebe wurde auf eine harte Probe gestellt

Ihre Liebe wurde auf eine harte Probe gestellt, denn im Februar 1945 nahmen ihn die Russen bei Posen gefangen und verfrachteten ihn in ein Lager in Estland. Das Grauen, das Edmund Böffinger erlebte, verfolgt ihn noch immer in seinen Albträumen. Und auch im Arbeitslager wäre ihm seine Gradlinigkeit fast zum Verhängnis geworden. Er verweigerte die Zusammenarbeit mit den Spitzeln der russischen Wachen und verriet keine Kameraden.

Edmund Böffinger versteht sich heute immer noch als Mahner gegen jede Form von Krieg, Gewalt und totalitäre Regime, der die Gräuel der einen wie der anderen Seite beim Namen nennt. Selbst in Südtirol kennt man den Urberacher inzwischen als „Voce contro il silenzio“, als „Stimme gegen das Schweigen“.

Antonia Piazza aus dem Dolomitenort Auronzo - ihre Eltern haben ein Eiscafé gleich neben den Böffingers - machte seine Erlebnisse in Krieg und Gefangenschaft 2008 zum Thema ihrer Abiturarbeit.

Als Edmund Böffinger 1949 heimkehrte, hatten seine Eltern die „Künftige“ schon in die Traminer Straße geholt. Dort leben sie auch heute noch im eigenen Haus. Der Krieg hatte seinen Traum, Arzt zu werden, zerstört. Edmund Böffinger arbeitete sich zum leitenden Angestellten eines Ober-Röder Unternehmens hoch. Marie Böffinger, die zeitlebens kinderlos blieb, verdiente als Sekretärin - unter anderem in der St. Gallus-Gemeinde - ein paar Mark dazu. Musik, Reisen, Gesang und Sport waren immer ihre gemeinsamen Hobbys. 1997 kürte die Stadt den Mehrkämpfer und Langstreckenläufer zum „Sportler des Jahres“. 2000, im Jahr der Goldenen Hochzeit, erwarb Edmund Böffinger sein 35. Sportabzeichen - sein Mariechen hatte ihn Ende der fünfziger Jahre zum MTV gebracht.

Quelle: op-online.de

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