Berührender Ausflug eines Todkranken

Letzte Herzenswünsche erfüllen

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Begleitet von seiner Frau Hildegard, freute sich Johann Withelm bei seinem inständig gewünschten Pfarrfestbesuch über die liebevolle Zuwendung vieler Bekannter und Freunde.

Ober-Roden - Der Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) wagt sich mit den Wünschen Todkranker in die Öffentlichkeit. Sterbebegleiter Wini Schoßer und die Familie hatten uns eingeladen, den Ausflug von Johann Withelm zum Pfarrfest zu begleiten. Von Christine Ziesecke 

Wer kennt ihn nicht, den kleinen zierlichen Mann, der viele Jahre im Kirchenchor Cäcilia sang, der bei jedem kirchlichen Anlass mit seiner Leica dabei war, der aber auch tagein, tagaus mit seinem Fahrrad und seinem alten Leiterwagen voller gesammelter Überbleibsel durch den Ort fuhr? Johann Withelm singt nicht mehr, er schiebt sein Rad auch nicht mehr, und er steht auch nicht mehr an der Seite von uns Reportern, stolz und voll Freude über unsere gemeinsame Aufgabe plaudernd - das Festhalten von Ereignissen rund um die Nazarius-Gemeinde.

Johann Withelm (77) ist schon lange sehr krank, bei der Owerräirer Kerb hat er wohl das letzte Mal seine Kamera gezückt. Seither liegt er im Bett und wird von seiner Frau Hildegard (74) zuhause in der Heinrich-von-Kleist-Straße gepflegt. Er wird immer schwächer, Pflegekräfte und Hospizbegleiter unterstützen seine Frau und ihn. Johann Withelms sehnlichster Wunsch: Er wollte gerne noch einmal zum Pfarrfest „seiner“ Gemeinde.

Die Hospizhelfer, allen voran Ute Rausch und Wini Schoßer, machten’s möglich. Sie nahmen Kontakt mit dem Arbeiter-Samariter-Bund Hessen auf, der seit Kurzem einen Wünschewagen betreibt. „Letzte Wünsche wagen“ steht auf der Motorhaube – ein berührendes und ermutigendes Leitmotiv für eine wunderbare Sache, bei der Ehrenamtliche, meist mit medizinischer Ausbildung, Menschen in ihrer letzten Lebenszeit Dinge ermöglichen, die deren Familie und Freunde alleine nicht schaffen.

Am frühen Nachmittag des Fronleichnamstages hielt der liebevoll gestaltete Transporter vor Johann Withelms Haus. Der ehemalige Rettungsassistent Michael Spohn, inzwischen Rentner, sein junger Kollege Jonas Jäger und eine Praktikantin erfüllten dem schwerkranken Ober-Röder seinen großen Wunsch. Sie brachten ihn mit seiner Frau zum Pfarrfest. Fürs Festzelt oder für den Platz unter der Linde war’s zu heiß. So machten die Besucher im Forum St. Nazarius große Augen, als Johann Withelm auf seinem fahrbaren Bett, gut gesichert und verpackt, an einen der Tische geschoben wurde und teils mit suchenden Augen, meist aber mit geschlossenen Lidern das Treiben im Saal in sich aufsog.

Pfarrer Elmar Jung und Diakon Eberhard Utz suchten ebenso den Kontakt mit dem todkranken Mann wie viele seiner Kirchenchorfreunde, während seine Ehefrau ihm die Hand hielt oder ihn mit winzigen Bissen Kuchen und über einen Strohhalm mit Wasser versorgte.

Die Reaktionen der Menschen um die Liege herum waren unterschiedlich. Die Begegnung mit Sterbenden muss erst einmal verkraftet werden. Nach einem kurzen Erschrecken über die körperliche Verfassung des sehr eingefallenen und wenig reagierenden Mannes gingen viele zum normalen Kaffeebesuch über. Mehrere Aktive aus der katholischen Jugendarbeit erschreckten sich sehr. Denn sie hatten nicht gewusst, wie schlecht es um die Gesundheit des ihnen bestens bekannten Johann Withelm stand.

Mancher Gast fragte im Innersten, mancher aber auch laut in die Runde, ob es nicht eine unnötige Belastung für den Kranken sei: die Strapaze dieser Fahrt und die vielen auf ihn hereinprasselnden Geräusche, Gespräche und gut gemeinten Streicheleinheiten. Viele der Menschen, die sich meist erst vorsichtig, dann doch zunehmend liebevoll dem Kranken näherten, freuten sich aber ganz einfach mit ihm, dass ihm dieser sehnliche Wunsch erfüllt werden konnte.

Wini Schoßer, langjähriger Mitarbeiter beim Palliativ- und Hospizdienst der Johanniter Rodgau, formulierte es treffend: „Ich weiß, wie sehr sich der Johann seit Wochen und Monaten auf diesen Tag gefreut hat, und dann ist es auch völlig egal, was wir alle von dieser anstrengenden Tour halten: Wenn es sein Wunsch war, dann hat der Vorrang, und es ist gut so.“

Mit Johann Withelm freute sich seine Frau, die seinen großen Wunsch nur zu gut kannte, und der es auch guttat, ihren Mann – wenn auch wortlos und durch die Schmerzmittel meist im Dämmerzustand – so zufrieden zu erleben. Der Pfarrfestbesuch endete mit der ausdrücklichen Bitte, noch einmal die St. Nazarius-Kirche sehen zu können. Dorthin begleiteten ihn Mitarbeiter des Pflegedienstes, etliche Kirchenchormitglieder und die Pfarrer. Beim gemeinsamen Beten und Singen stellten sie gerührt fest, dass auch Johann Withelm die Worte mit formulierte und zu singen versuchte.

Vielleicht muss man wirklich mehr letzte Wünsche wagen – und hoffen, dass Menschen ganz selbstlos bei der Verwirklichung helfen.

Quelle: op-online.de

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