Liebhaber ausgesprochener Ruhe

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Die Nutzpflanzen am Haus und im Garten sind Norbert Schultheis‘ Sache. Ums Dekorative kümmert sich seine Frau Marianne Gräser.

Urberach - Norbert Schultheis liebt die „ausgesprochene Ruhe“, die das Wandern in Hessens Mittelgebirgen oder in den Dolomiten mit sich bringt. Er müsse seinen Puls „nicht auf 130 hochbringen“, lautet sein Credo. Von Michael Löw

Was für sein Lieblings-Hobby gilt, genießt auch bei seiner zeitaufwändigsten Freizeitbeschäftigung, der Kommunalpolitik, Priorität. Im Parlament braust der SPD-Stadtverordnete nie auf. Ruhig, sachlich, fundiert und gelegentlich leicht schulmeisternd argumentiert er mit Zahlen, Gesetzestexten, Zuschussbestimmungen oder Beschlüssen längst vergangener Legislaturperioden.

Menschen im Parlament

45 Stadtverordnete, gewählt auf fünf Jahre, entscheiden über Kindergartengebühren, Bebauungspläne, den Haushalt und etliches mehr. In einer kleinen Serie stellen wir die einflussreichsten Parlamentarier vor: Stadtverordnetenpräsidium, Ausschuss- und Fraktionsvorsitzende. Im Mittelpunkt der Porträts stehen aber nicht die Politiker, sondern die Menschen. Parlamentspräsidentin Maria Becht (CDU) machte den Anfang (den Artikel finden Sie hier).

Heute folgt Norbert Schultheis (SPD), einer ihrer Stellvertreter.

Länger als Norbert Schultheis gestaltet kaum einer der heutigen Stadträte und Stadtverordneten die Rödermark-Politik mit. „Mein Einstieg fiel in eine ganz wilde Zeit“, berichtet er ruhig von bewegten Jahren. 1968 fing er in Darmstadt ein Chemie-Studium an, die Proteste gegen „das Establishment“ rissen auch ihn mit. Alternative Kultur schwappte auch auf das Dorf Urberach über.
Schultheis rechnet sich zu den frühen „Ypsilonern“ - junge linke Intellektuelle, die mit ihren Forderungen nach selbst verwalteter Jugendarbeit die bis dato beschauliche Politik ordentlich aufmischten. Der Umbau des Faselstalls zum JUZ war erklärtes Ziel der „Ypsiloner“, zu denen auch der heutige Bürgermeister Roland Kern und der langjährige Vorsitzende der SPD-Fraktion, Karl-Heinz Oberfranz, zählten.

Dass der Faselstall nicht zum Jugendhaus, sondern zum Töpfermuseum wurde, freut den heute 59-Jährigen vielleicht heimlich. Vor den zehn Jahren kauften Norbert Schultheis und seine Frau Marianne Gräser schräg gegenüber ein Haus. Denn die Besucher heimatgeschichtlicher Ausstellungen verhalten sich garantiert ruhiger als Gäste eines Rockkonzerts.

40 Jahre lang pfiff Norbert Schultheis Handballspiele, 25 Jahre führte er die BSC-Handballabteilung, genauso lange trainierte er die A- und B-Jugend des Vereins. Ruhig und sachlich blieb er am Spielfeldrand und legte Wert darauf, dass seine Jungs auch Disziplin und das Zurückstellen eigener Interessen zu Gunsten der Mannschaft lernten: „Sowas braucht man ja auch außerhalb des Sports.“

Fakten

- 1968 Eintritt in die SPD und Austritt aus der Kirche

- 1972 Wahl zum Gemeindevertreter in Urberach

- 1977 Wahl in den Kreistag

- 1989 ehrenamtlicher Stadtrat in Rödermark

- 1999 als Bürgermeisterkandidat gegen Alfons Maurer und Roland Kern gescheitert

- seit 2001 Stadtverordneter

- Beruf: Fraktionsgeschäftsführer der SPD im Kreistag.

Schweren Herzens hat Schultheis den Handball vor drei Jahren aufgegeben. Jetzt ist er eigenem Bekunden zufolge überrascht, wie schnell und gründlich er Abstand gewonnen hat. So schnell füllte er die gewonnene freie Zeit mit anderen Dingen. Die Aufarbeitung der Urberacher SPD-Geschichte muss aber bis zu seiner Pensionierung warten. Ordentlich in Kisten verpackt, lagert sie auf dem Dachboden.
Zwei Dinge, für die Schultheis sich gerne Zeit nimmt, sind Kochen und Genießen. Gäste empfängt er mittags schon mal mit einer Antipasti-Platte, die manchen Nobel-Italiener neidisch machen könnte. Mediterran ist Schultheis‘ bevorzugte Richtung am Herd. „Ich probiere alles aus, was mir interessant erscheint“, attestiert er sich eine ordentliche Portion Neugier. Doch Molekularküche oder ähnlicher Schnick-Schnack kommt nicht in den Topf. Norbert Schultheis tischt seinen Gästen am liebsten italienische oder französische Klassiker auf. Die aber richtig gut, denn etwas anderes würde auch gar nicht zu seiner unspektakulären Art passen.

Quelle: op-online.de

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