Lkw-Fahrer in Ober-Roden gestrandet

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Sieht nur so aus wie Trucker-Idylle: Ingo Jacobs, Ralf Blume und Andrea Jacobs sind im Ober-Röder Industriegebiet gestrandet und frühstücken notgedrungen vor dem Sattelschlepper ihres Chefs. Für das Ehepaar Jacobs war das Führerhaus auch Wohn- und Schlafzimmer.

Ober-Roden - Zwei Wochen schon sitzen die Brummifahrer Andrea und Ingo Jacobs im Industriegebiet fest, Kollege Ralf Blume strandete ein paar Tage später. Von Michael Löw

Der private Geldbeutel ist genauso leer wie der Tank ihres Dienstwagens - ein top-moderner 40-Tonner, mit dem die Jacobs sonst im Auftrag der Firma Dex-Trans Güter durch halb Europa karrten. Seit Februar hätten sie keinen Lohn mehr bekommen, sondern wie zuletzt an Ostern immer nur eine Abschlagszahlung und das Versprechen, dass der Rest folgt.

Die Situation ist paradox: Blume und das Ehepaar Jacobs sind eigentlich in Magdeburg daheim. Gestrandet ist das Trio jedoch in der Carl-Zeiss-Straße, nur ein paar hundert Meter vom Büro ihres Chefs entfernt. „Die Türen sind verschlossen, am Telefon lässt er sich verleugnen“, schimpft Blume. Andrea Jacobs fährt ein noch schwereres Geschütz auf: „Was der macht, ist Insolvenzverschleppung. So werden Existenzen kaputtgemacht!“

Klage auf Lohnfortzahlung

Zu Hause stapeln sich die Mahnungen, Telefon und Internet sind schon lahmgelegt. Ingo und Andrea Jacobs stecken in der Bredouille. Eigentlich müssten sie dringend zurück, um - notfalls mit Hilfe des Sozialamtes - noch Schlimmeres zu vermeiden. Miete, Strom, Gas, Wasser und die Versicherung ihres Pkw haben sie zum Teil seit zwei Monaten nicht mehr gezahlt. Ihre Außenstände geben sie mit rund 4000 Euro an. Doch ihr Anwalt hat ihnen geraten, in Ober-Roden zu bleiben. Nur vor Ort hätten sie eine Chance mit dem Spediteur ins Gespräch zu kommen.

Die gestrandeten Trucker haben beim Arbeitsgericht in Offenbach Klage auf Lohnfortzahlung eingereicht und den Geschäftsführer von Dex-Trans bei der Polizei wegen angeblicher Insolvenzverschleppung angezeigt. Groß ist ihre Hoffnung auf Justizia aber nicht. Der letzte Arbeitgeber von Andrea und Ingo Jacobs ging vorigen Herbst definitiv pleite, vor ein paar Tagen gab ein Gericht ihrer damaligen Klage Recht. Was ihnen mangels Konkursmasse immer noch keinen Cent bringt. „Das Urteil kann ich mir einrahmen, an die Wand hängen und einmal im Jahr abstauben“, sagt Ingo Jacobs verbittert.

Dex-Trans-Lkw-Geschäftsführer Hüseyin Pamuk drehte gegenüber unserer Zeitung den Spieß um. „Was die Leute da treiben, ist Arbeitsverweigerung! Die sollen froh sein, dass ich ihnen den Lkw lasse, weil ich so gutmütig bin.“ Gleichzeitig versprach er aber, den letzten Monatslohn „spätestens am Freitag“ zu zahlen.

Tankgeld vom Sozialamtsleiter

„Bei mir ist irgendwie etwas schief gelaufen“, begründete Pamuk seine finanziellen Engpässe. Den Grund wollte er nicht nennen und nährte so Spekulationen der Trucker, die mit Geduld und Nerven am Ende sind.

Ein Helfer in der Not war der Ober-Röder Getränkegroßhändler Peter Montwé, vor dessen Grundstück sie gelegentlich ihren Frühstückstisch ausklappten. Er bot Dusche, Toilette und einen Aushilfsjob an. Mit dem verdienten Geld kauften Ralf Blume, Ingo und Andrea Jacobs Lebensmittel: „Sonst hätten wir an manchen Tagen gehungert.“

Trotz aller offenen Forderungen gaben Ingo und Andrea Jacobs gestern nun doch ihr letztes Faustpfand, den Lkw-Schlüssel, aus der Hand und fuhren heim, um mit Stadtwerken und Versicherung über einen Zahlungsaufschub zu verwandeln und den Gerichtsvollzieher abzuwenden. Sozialamtsleiter Wolfgang Geiken-Weigt hatte unbürokratisch 50 Euro locker gemacht, damit sie ihren Pkw betanken können.

Quelle: op-online.de

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