Armutskongress in Kulturhalle

Lohn reicht nicht zum Leben

Ober-Roden - Die Zahlen stimmen in Rödermark: Dennoch gibt es auch Schattenseiten des Wohlstands, die vor allem die Jugendlichen zu spüren bekommen. Zehn Prozent der Rödermärker unter 15 Jahren lebt in Armutsverhältnissen. Von Michael Löw

Die Welt scheint noch heil in Rödermark. Die Kaufkraft seiner Bürger liegt 22,5 Prozent über dem Bundesdurchschnitt, jeder Haushalt hat pro Jahr fast 40.000 Euro zur Verfügung, die Arbeitslosenquote von 4,1 Prozent ist nicht weit von Vollbeschäftigung entfernt.

Doch die schöne Fassade hat Risse - das machte gestern der Kongress „Kommunale Armutsprävention“ in der Kulturhalle deutlich. So verdient fast jeder dritte Arbeitnehmer weniger als 15.000 Euro im Jahr, berichtete Georg Horcher, der Leiter des Fachdienstes Jugend, Familie und Soziales im Kreis Offenbach. Minijobs und Niedriglöhne sind Armutsursache Nummer eins im reichen Deutschland, das Wirtschaftswachstum kommt unten nicht an. Selbst qualifizierte Arbeitskräfte kriegen oft nur einen mickrigen Lohn: Nach einer Statistik des Deutschen Gewerkschaftsbundes zählen im Kreis Offenbach 13,3 Prozent aller Vollbeschäftigten mit Berufsabschluss zu den Niedrigverdienern.

Die Schattenseiten des Wohlstandes lernen vor allem Kinder und Jugendliche kennen. Zehn Prozent der Rödermärker unter 15 Jahren lebt in Armutsverhältnissen - sprich: in Haushalten, die mit Sozialhilfe, Hartz IV oder anderen Sozialleistungen auskommen müssen. Horcher wies nachdrücklich auf eine weitere große Risikogruppe hin: 15 Prozent aller Kinder leben nur noch mit der Mutter oder - weit seltener - nur noch mit dem Vater zusammen. Vor allem allein erziehende Frauen sind von Armut bedroht. Als arm gilt in der Bundesrepublik, wer als Single weniger als 826 und als Familie mit zwei Kindern weniger als 1 735 Euro zur Verfügung hat.

Nur ein Aspekt der Armut

Fehlendes Geld ist aber nur ein Aspekt von Armut. Das sagte gestern Professor Walter Hanesch. Der Gesellschaftswissenschaftler der Hochschule Darmstadt beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Thema und stellte resigniert fest: Viel hat sich nicht zum Positiven gewendet. Das deutsche Schulsystem setze so früh wie kein anderes auf Auslese. „Und wer da scheitert, bleibt in der Regel an der Armutsgrenze“, beschrieb Hanesch eine Art Armuts-Dauerschleife. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Berufswegebegleitung, die Tsehaie Semere an der Nell-Breuning-Schule anbietet, immer mehr an Bedeutung.

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In der Diskussion nach den Vorträgen und in den Arbeitsgruppen kritisierten Kongressteilnehmer hohe Kindergartengebühren beziehungsweise Kita-Gebühren als solches. Sie verwehrten Bedürftigen Chancengleichheit im Bildungssystem. Wie gestern in unserer Zeitung berichtet, hat der Rödermärker Magistrat eine kräftige Erhöhung der Elternbeiträge ab 2013 beschlossen.

Doch die Möglichkeit einer Kommune, effektiv gegen Armut vorzugehen sind begrenzt. Das machte Wolfgang Geiken-Weigt, der Leiter des Rödermärker Sozialdienstes am einem Beispiel deutlich: „Meine Abteilung ist nur drei Personen stark. Sozialarbeiter können deshalb immer nur Feuerwehr spielen!“ An vorbeugende Programme sei da kaum zu denken.

Quelle: op-online.de

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