Manchmal auch eine Provokation

Ober-Roden - In allen Kirchengemeinden werden in der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag die neuen Osterkerzen entzündet. Der Brauch ist sehr alt und knüpft an eine heidnische Tradition an. Die ältesten schriftlichen Zeugnisse stammen aus dem vierten Jahrhundert. Für die Christen ist sie Symbol für den lebendigen Christus, den Auferstandenen, und für eine lebendige Gemeinde.

Die Kerzenrohlinge werden bei einem kirchlichen Lieferanten in Aschaffenburg besorgt. In der Petrus- wie in der Gallus-Gemeinde wird die Osterkerze anschließend von Gemeindegruppen und in der evangelischen Gemeinde Ober-Roden von einer künstlerisch begabten ehrenamtlichen Mitarbeiterin verziert. Nur in St. Nazarius macht dies der Priester persönlich in harter Nachtarbeit.

„Immer, nachdem ich die Kirche am Karfreitag nach 21 Uhr abgeschlossen habe, beginne ich mit der Gestaltung der Osterkerze, die dann nackt und bleich vor mir liegt. Ich höre dabei die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach und lasse mich von den Klängen leiten zu der Botschaft, die die Osterkerze uns an den vielen Sonntagen ein ganzes Jahr lang mitteilen soll“, berichtet Pfarrer Elmar Jung. Fast genau sechs Stunden arbeitet er dann durch, nur von 5 Uhr bis 9 Uhr schläft er. Dann beginnt schon die erste Probe mit den Kommunionkindern.

Zunächst hat Jung nur eine Idee im Kopf und einige Symbolen, aus denen sich - gemischt mit tagesaktuellen Problemen, Nöten oder auch freudigen Momenten - das Motiv langsam entwickelt. Die erste Anregung holt er sich meist bei den Kommunionkindern. 2007 waren es die Kornähren, im vergangenen Jahr der Wassertropfen. Auf der neuen Kerze, die Pfarrer Jung heute Nacht verziert, soll der Weg im Mittelpunkt stehen. Mehr steht noch nicht fest und mehr will er auch nicht verraten, das Motiv könnte sich ja im Werden noch verändern.

Ein Symbol ist jedes Jahr präsent, wenn auch nicht immer da, wo der Betrachter es erwartet: fünf Nägel an fünf besonderen Stellen, Zeichen für die fünf Wundmale Jesu, die zeigen sollen h i e r handelt Gott. Die Nägel - mal goldfarben, in diesem Jahr wieder rot - sind für manche Kirchgänger nur schwer zu ertragen: Im Jahr des Irak-Krieges etwa überzog Elmar Jung die Osterkerze über und über mit roter, sehr plastischer Blutsymbolik dazwischen den Namen eines weithin bekannt gewordenen Kriegsopfers verwoben, Nägel an allen Stellen, wo die Menschen in Sünde verfallen sind. Da bekam er von etlichen Gemeindegliedern zu hören, dass sie diesen Anblick nicht ertragen.

Die Osterkerzen in St. Nazarius erzählen Geschichten, verarbeiten wie etwa im Elisabeth-Jahr einschlägige Symbole mit wie etwa die Kornähren für das Brot und die Rose, und weisen damit ein ganzes Jahr lang den Menschen den Weg. Die Techniken sind verschieden: mal verflüssigt der Pfarrer Wachs und trägt es mit einem Pinsel direkt auf den Kerzenrohling auf, mal arbeitet er aus dünnen Wachsplatten Motive heraus, mal schmilzt er zusätzliche Symbole wie Münzen oder Blumen mit ein.

Zum 13. Mal gestaltet Elmar Jung heute Nacht die Osterkerze, die zu allen Wochenendgottesdiensten, bei Taufen und bei Beerdigungen angezündet wird. In der Osternacht soll sie zum ersten Mal brennen, am Ostersonntag um 15 Uhr wird er in seiner Predigt die Motive der neuen Kerze interpretieren und die Erläuterung auch schriftlich auslegen. Jung. „Die Osterkerze ist mein Ostergeschenk an meine Gemeinde, diese Zeit und Energie investiere ich gerne, denn es ist mir auch ein Anliegen - sie soll ja Begleiter für das ganze Jahr sein.“

Quelle: op-online.de

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