Manchmal hilft nur Distanz zum Kranken

+
Krankenschwester Dagny Schüler hat sich durch psychologische Zusatzausbildungen auf die Betreuung demenzkranker Menschen und ihrer Angehörigen spezialisiert.

Rödermark ‐ Die Gebrechen des Alters kommen meist ungerufen. Auf einmal bemerken Angehörige, dass Eltern, Ehepartner oder andere Familienmitglieder sich seltsam verhalten: Sie werden vergesslich, vernachlässigen ihre Ernährung oder Körperpflege, ringen um das richtige Wort oder werden inkontinent. Kurz: Sie werden dement und oft zum Pflegefall. Von Astrid Spina

Ein Leben ohne fremde Hilfe ist nun nicht mehr möglich. Meist sind es die Angehörigen, die sich um den Pflegebedürftigen kümmern und ihn daheim betreuen. Doch ein Pflegefall zu Hause ist nicht einfach und nicht selten stoßen die Beteiligten dabei an ihre Grenzen oder auch darüber hinaus. Irgendwann sind es schließlich auch die Pflegenden selbst, die auf Hilfe angewiesen sind. Entlastung verspricht oft der Austausch mit Gleichgesinnten in einer Selbsthilfegruppe.

Unter der Leitung von Dagny Schüler bietet die städtische Seniorenberatung zusammen mit der Demenzgruppe „Leuchtturm“ der Arbeiterwohlfahrt sowie der Caritas-Sozialstation einen neuen Gesprächskreis für pflegende Angehörige von Demenzkranken an. Die Gruppe trifft sich jeden ersten Dienstag im Monat um 19.30 Uhr im Seniorentreff am Urberacher Häfnerplatz. Betroffene sind immer willkommen, die Teilnahme ist kostenlos.

Dagny Schüler bringt einiges an Erfahrung mit. Die Gemeindekrankenschwester mit psychologischen Zusatzausbildungen leitet seit zehn Jahren eine „Pflegende Angehörigen-Gruppe“ in Langen und nun auch in Rödermark. „Es geht in der Gruppe darum“, erklärt sie, „dass Betroffene in einem geschützten Rahmen mit Gleichgesinnten über ihre Situation sprechen können.“

Jeder weiß, wovon der andere redet. Das ist entlastend und hilfreich zugleich. Darüber hinaus vermittelt Dagny Schüler nützliche Informationen rund um das Krankheitsbild sowie Techniken und Tipps im Umgang mit dem zu Pflegenden.

„Niemand ist perfekt und niemand muss es sein.“

Der Beginn häuslicher Pflege ist oftmals ein einschneidendes Ereignis, das den Tagesablauf der Angehörigen bestimmt. Nicht selten entwickelt sich die Betreuung früher oder später zu einer Belastung - zum Beispiel dann, wenn sich die Betreffenden physisch oder psychisch überfordern. Umso wichtiger ist es für die Pflegenden, gut auf das eigene Wohlbefinden und die eigene Gesundheit zu achten sowie die eigenen Bedürfnisse bewusst wahrzunehmen und auf Warnungen von Geist und Körper zu reagieren. Wichtig ist auch, sich individuelle Informationen rund um die „häusliche Pflege“ zu beschaffen. So ermöglicht die Pflegeversicherung beispielsweise über die so genannte „Verhinderungspflege“ Angehörigen an bis zu 28 Tagen im Jahr einen Pflegeersatz (beispielsweise bei Krankheit, Verhinderung oder Urlaub).

„Niemand ist perfekt und niemand muss es sein.“ Das lautet ein Grundsatz, den die Angehörigen bei der Pflege beherzigen sollten, um dem Umgang mit dem Pflegefall gelassen entgegenzutreten. So anstrengend die Krankenversorgung daheim auch sein kann, es lohnt sich auch: „Bei der Pflege erringt man zahlreiche Kompetenzen“, weiß Dagny Schüler aus Erfahrung. Kompetenzen, die das eigene Leben zudem noch ein Stück lebenswerter machen und die Persönlichkeit reifen lassen.

Gerade der Umgang mit Demenzkranken verhilft Angehörigen zu einer guten Alltagsplanung, starken Nerven, ausreichender Selbstfürsorge und Einfallsreichtum. „Man muss den Mut haben, auch einmal neue Möglichkeiten auszuprobieren und kreativ zu sein“, sagt Dagny Schüler, „und es schaffen, wenn nötig auch in Distanz zu dem Kranken zu gehen, um nicht die Nerven zu verlieren.“

Nicht zuletzt wird der Pflegende einfühlsam, denn um die Betreuung zu meistern, muss er den Demenzkranken besser verstehen. Das hilft ihm, Geduld zu bewahren, auch wenn ein vielleicht vor wenigen Monaten noch geistig reger Mensch gerade zum 20. Male dieselbe Frage stellt.

Quelle: op-online.de

Kommentare